Von Konrad Heidkamp

Der Bach fließt rückwärts. Oder besser: in die falsche Richtung. Genauer: von Süd nach Nord. Nach jahrzehntelanger Abwesenheit hatte ich mit vielem gerechnet: zum Beispiel, daß mein Wald von Teerwegen durchzogen, mit Spielwiesen aufgelockert oder durch sportliche Ereignisfelder gegliedert ist. Ich fühlte mich gewappnet. Um jeder Versuchung zu entkommen, über die Wirkung von Schadstoffen an meinem Wald nachzusinnen, hatte ich gewartet, bis es Winter wird – blattlos –, auf die totale Kronenverlichtung gehofft. Ich, der Laie, wollte den freien, unbeschwerten Genuß der Walderinnerung. Fern von angelesenen Begriffen wie „Kronentransparenz“ oder „Blattvergilbung“, fern von krank oder gesund suchte ich nach dem leeren Bildrahmen, der sich mit Grün füllt. Alles hatte ich mir zurechtgelegt, und dann der Bach: gegen die Richtung, gegen die Erinnerung, gegen die Jugend.

Zuerst war das Wasser, der Bach, das Bächlein. Dann erst der Wald, das Wäldchen, die Waldgaststätte in Hartmannshofen, der Weg von Moosach rüber, die Stadt München. Zuerst – damals – stand ich barfuß bis zu den Knien im klaren Wasser, auf Kieselsteinen, groß genug, um sie mit den Zehen aufzuheben. Kein Lehm, kein Schlamm, keine Angst einzusinken, nur am Rande des Baches grünes, langes Moos wie Haar. Dazu meine Großeltern auf grünem Boden unter Laubbäumen, Eichen und Buchen, denk’ ich mir, ganz nahe, irgendwo eine Hängematte, oder doch nur eine Schnur, an der nasses Badezeug hängt? Wir bauten einen Damm an Wasserschwellen, die von glitschigen Holzbrettern gebildet wurden, mit rechteckigen Aussparungen, durch die noch heute kleine Wasserfälle gleiten. Oder waren diese Bretter später? Eine Erinnerungsschicht höher? Und wer waren „wir“? Nur eines schien sicher: Das Wasser staute sich rechts, floß dann nach links, schwemmte Steinhaufen, Holzdämme in Richtung Süden. Nicht so wie jetzt, im Winter 1994, von Süd nach Nord.

Kehrt man in die Landschaft seiner Jugend zurück, wirke alles kleiner, unscheinbarer, wird behauptet. Nicht mein Wald. Er ist so klein, so unscheinbar, wie ich ihn schon als Kind empfand. Nicht breiter als ein Meter der Bach. Ein Stadtwäldchen im Westen Münchens, direkt an den Nymphenburger Schloßpark angrenzend. Man kann niemand guten Gewissens empfehlen, sich auf den Weg dorthin zu machen. Es lohnt sich nicht. Lieber der Englische Garten oder das Nymphenburger Schloß. Wer sich trotzdem nicht abhalten läßt, sollte auf dem Stadtplan den Leonrodplatz suchen, dort in die Straßenbahnlinie 12einsteigen und ruckelnd über den Rotkreuzplatz, Romanplatz, Nymphenburg bis zur Endhaltestelle „Amalienburg“ fahren. In Fahrtrichtung links liegt der Alte Botanische Garten, man kann es sich also noch immer überlegen – rechts aber, rechts findet man dieses Wäldchen von Hartmannshofen. Nicht scharf rechts, das nennt sich Kapuzinerhölzl mit dem Fußballclub Hansa-Neuhausen. Nein, eher nordöstlich, die Amalienburgstraße überqueren, rechts also in die Schragenhofstraße, und dann am besten einem Schild folgen, das den Weg zur „Gaststätte Fasanerie“ weist. Gaststätte, Wald, Bach – es wird alles eins werden. Aber es muß nicht sein, ich würde eher abraten und den Monopteros empfehlen.

Mein Wäldchen, mein Gehölz besucht man nicht. Man läuft durch, weil man irgendwo in der Nähe wohnt. Ohne Hund geht da ohnehin kaum einer im Winter. Ein Auslaufwald für Um- und Anwohner. Manchmal muß der Mensch einfach raus an die frische Luft, und die wird hier von Bäumen begrenzt. Keiner läuft hier, um gesehen zu werden und seinen Hund sehen zu lassen. Notfalls kennt man sich und plaudert ein bißchen. Dieses Wäldchen verpflichtet zu nichts: kein Grüß Gott, kein Nicken, kein grobes Schuhwerk, keine wetterfeste Kleidung, kein Proviant, kein Rucksack, kein Ziel. Wem das Wäldchen nicht gefällt, ist in fünf Minuten wieder draußen. Sinnlos, irgendeinen Weg zu erklären, ob links oder rechts, nach kurzer Zeit ist er am Ende, und man kann – so man will – wieder in den Wald zurück.

Der ideale Stadtwald also? Das Wäldchen für den Intellektuellen, dem der Wald, die Natur ohnehin ein Greuel sind, der mit der natürlichen Unordnung in der Stadt kokettiert, der gerne Bert Brecht zitiert oder Frank O’Hara: „Man braucht nicht die Stadtgrenze von New York zu verlassen, um all das Grünzeug zu kriegen, das man sich wünscht – ich kann mich nicht mal an einem Grashalm freuen, wenn ich nicht weiß, ganz nahe ist eine U-Bahn oder ein Schallplattenladen oder irgendein anderes Zeichen dafür, daß Leute nicht total ihr Leben bedauern.“ Ein verführerisches Konzept, aber leider nicht zutreffend. Zugegeben, die Stadt ist hörbar nahe: eine ratternde Eisenbahnlinie, zwei rauschende Schnellstraßen, aber zum nächsten Plattenladen sind es Kilometer – wir sind am Stadtrand, Hartmannshofen, Moosach.

Mein Wald, das sind meine Großeltern mit dem schönen Namen Mayer („mit-a-ypsilon-e-er“), eine Siedlung aus mehrstöckigen Mietshäusern für städtische Angestellte und Beamte, mitten in Getreidefelder gebaut, das sind die Karlinger Straße, der „Alte Wirt“, der Moosacher Bahnhof, die Filmtheater „Trixi“ und „Luxor“ und einWeg entlang der Eisenbahnlinie nach Hartmannshofen: zum Feuerbachl, zur Fasanerie. Es gab nur diesen einen Weg, die direkte Verbindung von A nach B, von Moosach nach Hartmannshofen. All diese Namen leuchten wie Fixsterne in einem Bezugssystem, das ein Sternbild ergibt, sichtbar nur für den, der alle Koordinaten kennt. Nie wäre mir in meiner Jugend der Gedanke gekommen, mein Wald könne woanders liegen als eben am Rand dieses Schnittmusters. Jeden Sommer spielte ich dort, es war das Ende der Welt, der Rand, hinter dem nichts mehr kam – und nur 500 Meter entfernt lag, liegt der Nymphenburger Schloßpark. Meine Großeltern haben diese Grenze nie überschritten.