Das „Unwort des Jahres 1993“ heißt „Überfremdung“. Mit diesem „Unwort“ werden nun Rechtsradikale, „Republikaner“ und christlich-soziale Politiker in den Bundestagswahlkampf ziehen – in der Hoffnung, dumpfe Ängste mobilisieren und in Wählerstimmen ummünzen zu können.

Dabei könnte ein Blick in die Geschichte einen gelassenen Umgang mit dem „Angst-Thema“ Einwanderung lehren. Denn Deutschland war – darauf verweist eine neue Publikation des in Osnabrück lehrenden Migrationsforschers Klaus J. Bade – schon immer ein Einwanderungsland. Und nicht nur das: Es war immer auch ein Auswanderungsland, bis heute, wo Jahr für Jahr Zehntausende der Republik den Rücken kehren.

Im ersten Teil gibt Bade einen gerafften Überblick über die Wanderungsbewegungen aus, nach und durch Deutschland seit der frühen Neuzeit. Er erinnert daran, daß viele Einheimische heute die Nachfahren zugewanderter Fremder sind und daß im 19. Jahrhundert über fünf Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten auswanderten und hier zunächst ebenso Fremde waren, wie es heute Ausländer in Deutschland sind. Er ruft aber auch ins Gedächtnis, daß das Land in der Mitte Europas, welches im Laufe seiner Geschichte oft Flüchtlingen Aufnahme bot, selber immer wieder Deutschen die Erfahrung der Fremde aufzwang – von der Verfolgung der „Demagogen“ im Vormärz über die Ausweisung von Sozialdemokraten unter Bismarck bis hin zur politisch und rassenideologisch begründeten Massenexilierung aus Nazi-Deutschland.

Im zweiten Teil wendet sich Bade den aktuellen Problemen im Verhältnis von einheimischer Mehrheit und zugewanderten Minderheiten im vereinigten Deutschland zu. Er sieht sie verursacht durch schwere politische Versäumnisse, vor allem durch die parteiübergreifende Lebenslüge: „Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland.“ Aus dem hilflosen Versuch zu dementieren, was längst gesellschaftliche Wirklichkeit ist, resultiert nach Ansicht des Autors das „sozialschizoide Paradoxon einer Einwanderungssituation ohne Einwanderungsland“, das die deutsche Debatte über die Migrationsproblematik ebenso kompliziert wie unaufrichtig macht.

Bades Buch ist ein notwendiges Korrektiv zu Enzensbergers Essay „Die Große Wanderung“. Anstelle des dunklen Geraunes über die Angst vor dem Fremden als anthropologische Konstante bietet es solide Informationen auf der Basis eines sozialhistorisch fundierten Verständnisses. Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit – so macht der Autor deutlich – sind gesellschaftlich produzierte Abwehrhaltungen, eine aggressive Antwort auf Krisenerscheinungen, die sich bis zu gewaltsamen Ausschreitungen steigern kann.

Warum im wiedervereinigten Deutschland die Xenophobie einen neuen, gewalttätigen Höhepunkt erreicht hat, das wird vom Autor sorgfältig und differenziert erörtert. Er verschweigt nicht, daß Politiker und Medien mit ihrem verantwortungslosen Gerede von einer „neuen Völkerwanderung“ und einer „Asylantenschwemme“ die ausländerfeindlichen Exzesse geradezu begünstigt haben: „Jugendliche Gewalttäter verstanden sich nicht selten als aktive Vertreter einer schweigenden Mehrheit auf einem der politischen Gestaltung entglittenen Feld.“

Diese politische Gestaltung fordert Bade ein, und das heißt für ihn, Konzepte zu entwickeln für eine umfassende Migrations- und Integrationspolitik, die nicht länger die Augen verschließt vor der Tatsache, daß die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist und das auch bleiben wird. Versage die Politik vor dieser Aufgabe, übe sie sich weiter in einem Versteckspiel vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit, dann drohe schwere Gefahr für dieses Land. Volker Ullrich