Von Günter Wermusch
Wollen Sie einen van Gogh kaufen, einen Braque, einen Chagall? Vielleicht auch echte Ikonen oder einen alten Niederländer? Warum nicht, der Markt ist voll, man muß nur die richtigen Adressen kennen. Natürlich sind die nicht bei seriösen Kunsthändlern in Berlin, Frankfurt oder München zu erfahren, wenigstens nicht bei allen.
Niemand zum Beispiel wird an dem Leumund des Kunsthändlers Gert-Holger Martin in Berlin zweifeln. Er hatte im Frühjahr 1987 von zwei ihm wiederum als seriös bekannten und ebenfalls in Berlin ansässigen russischen Kunsthändlern ein kleines Öl-auf-Kupfer-Gemälde, dessen Wert er nicht so recht einzuordnen wußte, sozusagen nur zur Expertise übernommen. Die holte er dann bei den Damen und Herren von der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem ein. Und weil die dort das Bildchen (es maß ganze 20 X 15 Zentimeter) als wahren Schatz erkannten, holten sie flugs die Kriminalpolizei, die es beschlagnahmte. Es kam zu einem Prozeß, bei dem sich herausstellte, daß die Kostbarkeit von einem russischen General 1945 mutmaßlich gestohlen worden war. Der konnte, weil inzwischen verstorben, nicht befragt werden, hätte indes wohl jeden Eid geschworen, es sei ihm geschenkt worden.
Das Bild stammte aus der Gemäldegalerie von Gotha. Aber Gotha war eben seinerzeit auf bundesdeutschen Landkarten nicht auffindbar. So erging das allerweiseste Urteil des Berliner Landgerichts, das Bildchen Herrn Martin zurückzugeben, obgleich es dem gar nicht gehörte. Auch die beiden Russen wiesen sich nur als Vermittler aus, für eine dubiose Dame aus afrikanischen Diplomatenkreisen, die zur Zeit in Moskau tätig waren. Zum 1. April 1991 bot dann Sotheby’s das kleine Bild, Joachim Wtewaels „Maria mit dem Kind, dem kleinen Johannes, Anna, Joseph und musizierenden Engeln“ zu einem Preis zwischen 1 und 1,3 Millionen Dollar an. Der Chef des Gothaer Schloßmuseums, Michel Hebecker, protestierte energisch. Seitdem ist Sotheby’s böse auf Gotha. Schließlich hatte ein deutsches Gericht das Bild freigegeben. Zurückgekehrt ist das Bild bislang nicht.
Der Wtewael aus Gotha ist nur ein Beispiel von vielen, die in den letzten Jahren bekannt geworden sind: deutsche Beutekunst, die in Rußland verschwand und irgendwo auf dem internationalen Markt auftauchte. Erwähnt seien nur ein Jacopo Tintoretto, ein Balthasar Denner, ein Christian Seybold und ein Jan van der Heyden aus der Dresdner Gemäldegalerie, zwei Bilder von Jean Baptiste Pater aus Schloß Sanssouci in Potsdam, ein Album mit 194 Stichen von Meistern des 17. Jahrhunderts aus Schloß Mosigkau bei Dessau, ein Adolph Menzel aus der Berliner Nationalgalerie.
Meist handelt es sich dabei um Kunstgüter, die nach dem Krieg in Ostdeutschland von sowjetischen Truppen erbeutet wurden. Das wenigste, was davon nun nach dem Westen zurückkommt, gelangt allerdings auf den offenen Markt. Was in den Labyrinthen des grauen Marktes verschwindet, um irgendwann mittels diskreter Inserate in überregionalen Zeitungen oder verfremdet im Kunsthandel angeboten zu werden, würde zusammengenommen für ein Museum mit internationalem Ruf reichen. Dabei werden hier nur die Fälle erwähnt, die bekannt geworden sind. Viele dieser Kunstwerke aber waren vor 1945 nicht in öffentlichen deutschen Sammlungen beheimatet, kamen deshalb auch nicht in international anerkannte Suchlisten oder in Marianne Bernhards und Klaus P. Rogners schon 1965 erschienenen gesamtdeutschen Katalog „Verlorene Werke der Malerei“. Und die Privatsammler suchen bis heute nach einer Instanz, die sich ihrer Verluste aus der Nachkriegszeit annimmt. Schließlich war das ganze Thema durch den eilfertigen bundesdeutschen Globalverzicht auf Verluste durch Besatzerhandlungen in den Pariser Verträgen 1954/55 überschattet. Und der betraf Gegenden Deutschlands, wo es nicht die Russen waren, die öffentliche und private Sammlungen „sicherstellten“.
Aber die DDR gehörte nicht zu den Unterzeichnern der Pariser Verträge. Insofern haben die Russen recht, wenn sie Deutschland heute fragen, wieso allein sie ersucht werden, die „gerechte Kriegsbeute“ zurückzugeben. Dennoch ist noch niemand von einem Diebstahl freigesprochen worden, weil ein anderer auch geklaut hat.
Ein Herr Kiparisow, seines Zeichens „Stellvertreter des Direktors der Staatlichen Eremitage für Erfassung und Aufbewahrung“, hatte mit dem Datum vom 16. Juni 1957 mehrere Listen angefertigt. Eine davon war überschrieben „Nachweis über Gemälde aus Privatsammlungen, die sich in der Staatlichen Eremitage befinden“. Sie verzeichnet 733 Gemälde, davon 547 „unbekannter Herkunft“, die nach Kriegsende von der sowjetischen „Trophäenkommission“ in Ostdeutschland requiriert worden waren. Unter den bekannten Eigentümern in Kiparisows Liste ist Adolf Hitler mit drei, Erich Koch (Gauleiter Ostpreußens und Reichskommissar für die Ukraine) mit elf, Lotte Rieß (Dessau) mit elf, Helene Bechstein (Berlin) mit zweiundzwanzig, Tischbein (Dessau) mit zehn, Professor Trendelenburg (Berlin) mit vier, Dambacher (Dessau) mit zwei und „Keps (Weimer)“ mit 78 Gemälden registriert.
Helene Bechstein war die als glühende Hitler-Verehrerin bekannte Eigentümerin der noch bekannteren Pianofabrik in Berlin. Ihr Enkel, Edwin Bechstein, sagte mir, daß er kein Gesamtinventar der großmütterlichen Sammlung habe. Er erinnere sich lediglich an die „Dame mit Halskrause“ von Velázquez, zwei Gemälde von George Morland und andere von niederländischen Meistern wie Van de Velde. Der Veläzquez sei seines Wissens eine Zeitlang in der Eremitage ausgestellt gewesen. Über die Sammlung des Industriellen Otto Krebs aus dem Gut Holzdorf bei Weimar („Keps/Weimer“) hatte ich schon in der ZEIT berichtet (4. Juni 1993).
Verlustlisten privater Sammler besaß ich nur aus Weimar und Dessau, sofern sie Kiparisows Aufstellung betrafen. Verglichen mit Kiparisows Inventar aber schienen sie arg zusammengeschmolzen zu sein. Aus der Sammlung Dambacher waren noch zwei von vier, aus der von Lotte Rieß von fünfundzwanzig noch elf, aus der Sammlung Meyerhoff von sieben nur ein Gemälde geblieben.
Waren sie schon während der Plünderungen in Ostdeutschland aus der Beutemasse der Trophäenkommission entwendet worden? Es gibt auch Listen, aus denen ersichtlich ist, was die Russen 1945 aus den Privatsammlungen im einzelnen mitnahmen. In der Liste vom Juni 1945 finden sich unter 73 Gemälden so berühmte Künstler wie Cézanne, Courbet, Degas, Daumier, Goya, van Goyen, Greco, Maes, Menzel, Renoir, Ribera, Ricci, Veläzquez. Doch da sind, mit wenigen Ausnahmen (Sammlungen Siemens und Köhler), keine Eigentümer genannt. Zudem kamen die privaten Sachen nicht nur nach Leningrad, sondern auch in das Puschkin-Museum von Moskau, nach Kiew und in andere Depots. Allein nach Moskau kamen 873 Gemälde, 244 Skulpturen sowie 15 766 Handzeichnungen und Graphiken „unbekannter Herkunft“. Ob sie dort noch heute unversehrt liegen, dürfte sehr zweifelhaft sein. Die Direktorin des Puschkin-Museums, Irina Antonowa, läßt sich nicht in die Karten sehen. Immerhin ist belegt, daß die dort ursprünglich eingelagerte Handzeichnungen-Sammlung des holländischen Bankiers Frans Koenigs und Schliemanns „Schatz des Priamos“ nicht mehr vollständig sind.
Der Handel mit Kunstbeute aus Deutschland stand gleich nach dem Krieg in Moskau und Leningrad in schönster Blüte. Noch zu Beginn der siebziger Jahre waren in den einschlägigen Antiquariaten Spitzenstücke aus öffentlichen und privaten deutschen Sammlungen für ein paar tausend Rubel zu haben, wovon ich mich anhand der Sammlung eines Bekannten aus Moskau überzeugen konnte. Im Februar 1993 entdeckte ich in Moskau zwar keine Kunstwerke mehr im Angebot. Doch noch immer waren Bibeln und andere bibliophile Kostbarkeiten aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert wohlfeil zu haben, bei denen man sich nicht einmal der Mühe unterzogen hatte, die Eigentümerstempel der Bibliotheken von Berlin, Leipzig oder Wernigerode zu tilgen. Das alles erschien den Russen so selbstverständlich, daß mich Sawelij Jamschtschikow, Vorstandsmitglied des Verbandes russischer Restauratoren, im November 1991 fragte, ob in Deutschland russische Kunstschätze und Bücher noch käuflich zu erwerben seien. Für meine Antwort, ich hätte derlei Sachen noch nie im Angebot gesehen, hatte er nur ein ungläubiges Lächeln. Der allgemeine Tenor lautet selbst in russischen Expertenkreisen: Wir haben nie etwas von der deutschen Beute aus Sowjetrußland zurückerhalten. Wenn es sich nicht mehr in Deutschland befindet, dann haben es die Amerikaner nach dem Krieg mitgenommen. Indes gibt es hinreichend Belege und Zeugenberichte dafür, daß mit wenigen Ausnahmen alles nach Sowjetrußland zurückkam. Aber das ist ein eigenes Thema.
Woher stammt das Angebot? Ist es denkbar, daß die ganz großen – nachweislich aus dem Osten kommenden – Angebote von Werken Tizians, Tintorettos, Veroneses, van Goghs aus der Riesenbeute von Schätzen „unbekannter Herkunft“ stammen, die in der Nachkriegszeit in den Magazinen sowjetischer Museen eingelagert wurden? Natürlich drängt sich auch die Frage auf, inwieweit die auf dem grauen Markt offerierten Schätze echt sind. Gefälligkeitsexpertisen lassen sich allemal beschaffen.
Kein Zweifel bestand indes an der Echtheit von Jacopo Tintorettos „Seeschlacht bei Lepanto“, einem 180 x 320 Zentimeter großen Monumentalgemälde, das die Steuerfahndung im März 1993 bei Alfred Lefmann, einem bis 1976 in der DDR ansässigen Arzt, neben weiteren 35 Spitzenwerken (van Dyck, Rubens und so weiter) in München beschlagnahmte. Im Sommer 1986 war es auf einer Ausstellung im Dogenpalast in Venedig zu sehen gewesen. Woher war es gekommen? Nachweislich befand es sich 1945 in der Villa des Kunsthistorikers Friedrich Sarre in Neubabelsberg/Potsdam. Die Villa wurde von den Russen beschlagnahmt, Sarre verstarb Ende Mai 1945. Wie kam das Bild nach Venedig und schließlich zu Lefmann? Jedenfalls ist kaum anzunehmen, daß die sowjetische Trophäenkommission ein solches Gemälde 1945 an Ort und Stelle belassen haben sollte.
Das ist nur ein Beispiel. So drängt sich die Frage auf, ob die Sowjets 1955/59 bei der spektakulären Rückgabe von rund anderthalb Millionen bei Kriegsende „sichergestellter“ Kunstwerke auch diese oder jene Privatsammlung an die DDR übergeben haben könnten. Geplant war dies jedenfalls. Denn die nach der Übergabe der Dresdner Gemäldegalerie (1955) fällige zweite Aktion war im Januar 1957 angekündigt worden und begann 1958. Kiparisows Liste ist mit dem 16. Juni 1957 datiert. Oder gab es zwischen KGB und Stasi gar so etwas wie ein „Joint-venture“? Und was hatte es mit Herrn Lefmanns so erfolgreichem „Japangeschäft“ auf sich, für das ihm die DDR-Regierung angeblich mit der Ausreisegenehmigung dankte? Brigitte Wissel sucht nach einem van Gogh aus dem Besitz ihrer Familie, den die Russen 1945 aus Dresden mitnahmen. Es handelte sich um „Die Brücke von Arles“. Frau Wissel erinnerte sich an eine „weibliche Figur mit rotem Oberteil am Brückenpfeiler“. Das Bild befindet sich laut Katalog von 1992 heute in Privatbesitz in Tokio. Es scheint, als seien die Geschäfte der ehemaligen „Kunst- und Antiquitäten GmbH“ der DDR nur zu einem Bruchteil ihres wahren Umfangs geklärt. Und dabei wird es auch bleiben. Keiner der Käufer dieser Kunstschätze ist an einer Aufklärung interessiert. Wie sollte es anders sein.
Mitte Dezember 1993 sprach ich mit Rolf Bothe, dem Direktor der Kunstsammlungen zu Weimar. Wir hatten uns seit April 1993 mehrmals über die Sammlung Krebs vom Gut Holzdorf bei Weimar unterhalten. Sie bestand aus 98 Gemälden von Impressionisten, vorzugsweise französischer Schulen, und war die größte Privatsammlung dieser Art in Deutschland. Als die Russen 1949 das Gut räumten, nahmen sie die Sammlung mit. 78 Bilder daraus lieferten sie – Kiparisows Liste zufolge – in der Eremitage ab. Bothe war als Mitglied der deutschen Rückführungskommission am 21. November 1993 in der Eremitage. Und sah dort unter anderem auch die Sammlung Krebs. „Es waren sogar zwei mehr als in der Liste angegeben. Bei einem van Gogh aber stutzte nicht nur ich. Das schien bestenfalls eine mittelmäßige Kopie zu sein, auch die Farben muteten sehr frisch an. Ich kannte das Bild sowohl aus unserem Photoalbum wie auch aus dem Van-Gogh-Katalog von Walther/Metzger.“
Drei Wochen nach der Rückkehr aus St. Petersburg erhielt Bothe ein Schreiben aus London. Absender war „The Art Loss Register“, eine renommierte Firma, die sich mit der Identifizierung und Registrierung gestohlener Kunstwerke befaßt. „Ein Klient in Deutschland“ habe sich an sie gewandt, dem Vincent van Goghs „Das weiße Haus bei Nacht“ angeboten worden sei. „Die Überraschung war perfekt“, sagte Bothe. „Es handelte sich genau um das Bild, von dem wir in St. Petersburg die Kopie gesehen hatten. In unserem Inventarverzeichnis ist es noch als ‚Villa mit drei Frauen auf der Straße‘ bezeichnet.“
Der potentielle Käufer, Gerhard Nowak aus Offenbach, dem das Bild für 900 000 Mark angeboten worden war (ein geradezu lächerlicher Preis, Van-Gogh-Gemälde sind unter zehn Millionen kaum zu haben), resignierte. Allerdings zeigte er sich nicht bereit, den Namen des Anbieters preiszugeben. Bei „Art Loss“ hatte er von einem „Kontakt im ehemaligen Ostblock“ gesprochen. „Das ehemalige Jugoslawien wurde erwähnt“, schrieb die Firma an Bothe. Mehr zuzugeben, wird Herr Nowak kaum bereit sein. Verständlich: Die Herren vom grauen Markt lassen nicht mit sich spaßen.
Der Weimarer Museumsdirektor hat die Eremitage informiert.
Die Sowjetunion gab zwischen 1955 und 1959 dreiviertel der nach dem Krieg in Ostdeutschland „sichergestellten“ etwa zwei Millionen Kunstobjekte an die DDR zurück. Den Rest verwahrt Rußland noch immer. Doch wie sicher?
Längst ist es kein Geheimnis mehr, daß aus dem vor jeder Öffentlichkeit abgeschirmten Kunstbeutedepot im Bierturm des Klosters Sagorsk bei Moskau Schätze verschwinden. Oberkommissar Anatolij Swiridenko von der Moskauer Kriminalpolizei war der Mafia auf die Spur gekommen. Seine Leiche wurde am 17. April 1992 zwischen Eisenbahngleisen gefunden. Die russische Presse berichtet zudem laufend über Diebstähle in Kirchen und Klöstern. „Fahren Sie mal nach Brest. Im Zollmuseum erhalten Sie einen ganz kleinen Eindruck davon, welche Schmuggelware die Grenze passiert. Denn das wenigste wird entdeckt“, sagte mir Awenir Owsjanow, der Kaliningrader Bernsteinzimmer- und Kunstraubforscher im August 1993.
Die Stützpunkte der russischen Kunstraubmafia reichen von Moskau über Berlin, Frankfurt, Zürich bis nach Panama. Und so mancher russische Museumsbeamte, über Nacht in das kalte Wasser der Marktwirtschaft geworfen, muß sich zwischen seinem Gewissen und dem ganz großen Geld entscheiden. Offenbar ist ein solcher Beamter in der Eremitage auch der Versuchung erlegen, den echten van Gogh durch eine billige Kopie zu ersetzen. Er war nicht der erste und wird wohl leider auch nicht der letzte sein, falls die schon 1990/91 vertraglich vereinbarte Rückgabe der Kulturschätze noch länger hinausgezögert wird.