Monopoly in Mao-Land

von 

„Wenn China erwacht, wird die Welt erzittern.“

Napoleon Bonaparte

Shanghai, Nanjing-Straße. Kilometerlang Leuchtreklame an Leuchtreklame, Geschäft an Geschäft. Alles, was das Land zu bieten hat – hier wird es von Heerscharen uniformierten Verkaufspersonals an die Frau und an den Mann gebracht: Kameras und Stereogeräte, gediegene Kaschmirmäntel und der letzte Schrei der Mode. China – das Konsumparadies.

Shenzhen, zwei Flugstunden südwestlich, nahe Hongkong. Die Shenhang Kleiderfabrik Nummer eins nennt ihr Boß ein „Modellunternehmen“, bei der ausländischen Kundschaft bekannt für gute Qualität und prompte Lieferung. Ein Grund dafür sind die besonders geschickten Näherinnen, die aus Hubei und aus Zhejiang nach Shenzhen herbeigeschafft wurden. Hier verdienen sie nicht schlecht, doch der Preis des vielen Geldes ist hoch. Nicht nur, weil in Shenzhen alles besonders teuer ist und der Hongkong-Dollar als Zahlungsmittel das chinesische Geld schon fast verdrängt hat, sondern auch deshalb, weil die jungen Frauen fast wie die Tiere leben: In den stinkenden, überfüllten Verschlägen direkt neben dem Produktionssaal ist es im Winter kalt, im Sommer brütend heiß. China – Eldorado der Ausbeuter.

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Zhu Lin, Provinz Henan, tief im Landesinneren. Vor wenigen Jahren lebten in dem Dorf alle Menschen noch vom Ackerbau, viele hausten in Erdhöhlen. Heute verdienen sie ihr Geld in der Druckerei, in der Pharmafabrik oder in dem Betrieb, wo Zahnräder für Mopeds hergestellt werden. Die Erdhöhlen haben die Menschen gegen hübsche Häuser getauscht, die mit Innenhöfen und Badezimmern ausgestattet sind. Die Bauern von Zhu Lin haben es geschafft.

Zhang Ying, ein Dorf nahe Peking. Es herrscht Tristesse. Es gibt kein Handwerk, keine Industriebetriebe und kaum Ackerland. Denn im Boden fand man Kies, der dringend als Nachschub für den Bauboom in der Hauptstadt gebraucht wird. So wurden die Menschen ihre Felder los. Den Bauern von Zhang Ying bleibt nichts übrig, als auf bessere Zeiten zu warten.

Tianxia sagen die Chinesen, wenn sie die Größe und Vielfalt ihres Landes zum Ausdruck bringen wollen: alles unter dem Himmel – tropische Hitze und sibirische Kälte, immergrüner Urwald und lebensfeindliche Wüste, schneebedeckte Gebirge und endloses Meer. China hat von allein, auch in der Sphäre der Wirtschaft. Nach fünfzehn Jahren Reformpolitik kann von einer einheitlichen Ökonomie nicht die Rede sein. Typisch chinesisch ist nur das Untypische. Was das Volk von fast 1,2 Milliarden Menschen vor allem einigt, ist die Liebe zum Geld. Die Statistik offenbart freilich, daß auch die meisten Selbstmörder heute von etwas getrieben werden, das die Chinesen vor kurzem kaum kannten: von Sorgen ums Geld.

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