Von Reinhard Baumgart

Glückliches Frankreich!, so durfte der deutsche Leser schon dreimal vor Romanen von Jean-Philippe Toussaint seufzen. Staunend über den Erstling „Das Badezimmer“, am glücklichsten, tiefsten dann wohl angesichts von „Monsieur“ und noch einmal, vielleicht schon zögernder, ernüchtert nach „Der Photoapparat“. Glückliches Frankreich! – wo nämlich kein Anfänger ganz und gar ein Anfänger sein muß. Zwar, mit wachen, kühlen Augen blickt Toussaint ins Getriebe der gegenwärtigen Zivilisation und verfolgt mit einem zärtlichen Entsetzen, wie scheinbar traumlos und doch träumerisch besonders die Seelen junger Eingeborener heutzutage funktionieren. Sein Blick, seine Neugier, diese Sympathie und dieses Befremden – das alles ist geprägt durch eigene Erfahrung, unverwechselbar, keine Manier, und ist doch geschult und gefärbt durch französische Tradition. Selbst wenn Toussaint nie eine Zeile von Flaubert gelesen, nie einen Film von Truffaut gesehen hätte – sie und die anderen alle schreiben an seinen Büchern mit. So kann – glückliches Frankreich – eine Tradition der Literatur beim Überleben helfen und damit selbst – überleben.

Und nun? Nun stellt der vierte Roman Toussaints, krampfhaft kunstvoll geschrieben und konstruiert, unser Staunen, ja unsere Geduld auf eine harte, eine trockene Probe. Im Gänsemarsch, einer hinter dem anderen, ziehen die wohlgebauten Sätze über die Seiten, keiner tanzt aus der Reihe, keiner blinzelt. Sie haben stur und ordentlich nur ihr Ziel im Kopf, und zwar marschieren sie – früh beginnt man es zu ahnen und möchte es doch lieber nicht für möglich halten –, sie marschieren trotzig ins Leere.

Dabei fängt Toussaint genauso an, wie er das liebt und wie wir es von ihm gewohnt sind, spannungslos spannend, grau in grau und nüchtern. Man erkennt zunächst nichts Bemerkenswertes, keine Emotion in den Sätzen, Szenen, Figuren. Man wird langsam ungeduldig, etwas gereizt und sehr aufmerksam. Das ist der Trick. Beziehungsweise: das war er. Denn ich habe unterschlagen, daß Toussaint diesmal ausgerechnet auf der allerersten Seite ausbricht aus seiner Unauffälligkeitsstrategie. Da nämlich hat er ihn ausgelegt, den Köder, auf den uns schon der Romantitel vorbereitet, da schwimmt er, wahrhaftig eine Leiche, wenn auch nur der Kadaver einer Katze. Introitus mit Leichnam, als Lockköder im Kriminalroman ganz und gar konventionell, doch bei einem Minimalisten des Anfangens wie Toussaint ein verstörend aufdringliches Signal. Will er uns diesmal statt einer Geschichte etwa nur ein Genre erzählen?

Ein höchst ungleiches Paar schickt er auf seine Erzählstrecke: einen jungen Vater, der alles und, sich steigernd in Verfolgungs- und Beziehungswahn, viel zuviel sieht und bedenkt, während sein acht Monate alter Sohn, von ihm bemuttert, getränkt und gewindelt, ein erfreulich zufriedener und viel schlafender Säugling, nur wenig wahrnimmt, dieses wenige mit kontemplativem Ernst betrachtet und seine Gedanken natürlich nicht preisgibt. Eingetroffen sind diese beiden im regnerischen Spätestherbst in einem unwirtlichen Fischerkaff, vielleicht am korsischen Mittelmeer. Warum und zu welchem Zweck dieser Vater sich und das Kind dorthin verschleppt hat, außer um uns auf acht Druckbogen mit dieser Frage zu beschäftigen, darüber dürfen wir nun 140 Seiten lang grübeln.

„Nach Sasuelo war ich gewissermaßen gekommen, um die Biaggis zu besuchen, aber eine rätselhafte Befangenheit hatte mich bisher daran gehindert ...“ Dieses „gewissermaßen“ ist sicher korrekt ausgedrückt. Der pedantische Erzähler wird die Phrase mit dem ganzen Gewicht ihrer Leere und Verlegenheit noch einmal wiederholen. Gewissermaßen sind die Biaggis das Zentrum seiner Suche nach dem Motiv und Ziel seiner Reise und damit des Romans. Daß sie nicht in ihrem Haus sind und nicht im Ort, scheint bald sicher. Andererseits scheint Biaggi, ein Schriftsteller und vielleicht Kollege, den Erzähler doch zu verfolgen, ihm auszuweichen, ihn zu beobachten – so jedenfalls beginnt dieser mit weitschweifiger Umständlichkeit sich einzubilden.

Falls Biaggi nicht – auch das wird eine Halluzination lang als Möglichkeit verfolgt – als der wahre Leichnam statt des falschen der Katze im Hafenwasser treibt, erdrosselt oder ersäuft, um dann aufgefischt und nächtlich, bei Mondschein unter schwarzen Wolken, hinüber zu einer nahen Leuchtturminsel überführt zu werden. Da liegt er nun, vielleicht oder sicher, auf dem Boden der Kontrollkabine, beleuchtet von blinkenden Instrumenten, liegt fünf Zeilen lang, nach denen die Halluzination verlischt.

Nein, wir erfahren nichts über Biaggi, außer den Mutmaßungen und Verdachtsmomenten, die er im Kopf des Erzählers auslöst, wie alles in Sasuelo. Briefe und Blicke; Vorhänge, Schlösser und Gitter; Katzenaugen, Mondschein, Spiegel und Pfützen; ein verdächtig verfolgendes und verdächtig zerbeultes Automobil; wortkarge, ausweichende Menschen, ihr rätselhaftes Verschwinden und obskures Wiederauftauchen; dazu ein manisches Beobachten und Kombinieren und, nicht zu vergessen, diese rätselhaft im Wasser schwappende Leiche, wenn auch vorerst nur die einer Katze: Sorgfältig versammelt und ordnet Toussaint das ganze Inventar eines Krimis in seinem Buch. Ein Sammelsurium von Indizien, lauter Phantome des Verdachts, wenn man will. Und der Erzähler, dieser panische Vater mit dem freundlichen Baby, will unbedingt. Alles lädt er auf mit Bedeutung und undeutlicher Drohung, ein Leuchtfeuer, einen Müllhaufen, jede Telephonkabine. Während ich mich Seite um Seite immer sanfter degenerieren fühlte auf das kontemplative Niveau seines Sohns und Säuglings, mich hier und da festsaugend an irgendeiner beliebigen und hoffentlich bedeutungsfreien Nebensache.

Einmal steht der unselige Vater mit seinem weinenden Kind auf dem Arm am Fenster und zeigt ihm, den Finger gegen die Scheibe gedrückt, einen einsamen Esel draußen in der regennassen Landschaft: „Siehst du ihn, den Esel? fragte ich, aber es war wohl mein Finger, den er erblickte und schließlich auch erhaschte und sanft in seiner kleinen Hand drückte.“ Die Schlüsselszene, für mich. Wäre es doch möglich, diesen beiden, dem Erzähler und Toussaint, die Zeigefinger rechtzeitig aus dem Buch zu nehmen, in aller Güte und Sanftheit. Vielleicht wäre dann zu verhindern, daß sie ihr kaltes Kunststück zielbewußt, von immer neuen Fingerzeigen, Wegweisern geleitet, ins Leere steuern. Denn es wird auch am Ende nichts weiter passiert sein als dieses Warten darauf, daß irgend etwas passiert sein könnte oder gleich passieren würde.

Drei Kapitel lang dauert dieses methodische Kreisen um nichts. Dreimal löst es sich aus allem Wahn und Wähnen friedlich auf in das kunstvoll variierte Bild unschuldigen und unbedrohlichen Meerwassers. Kein Kadaver mehr, kein Verdacht, keine besonderen Vorfälle. Aber besorgniserregend war ja auch vorher nichts weiter als der erregte Blick des Erzählers. Das ahnten wir, längst bevor er sich selbst in einem Spiegel entdeckt und damit dieses trübe Geheimnis: „Ich stand in dunklem Mantel und Krawatte (sic!) ganz dicht vor dem Spiegel, das Gesicht fast an das Glas gepreßt, und meine leicht umschatteten Augen schimmerten in dem schwachen Licht blaugrün, doch vor allem fiel mir auf, daß mein Blick furchtbar ängstlich war. Ich blickte doch mich selbst an, gewiß ohne Feindseligkeit, und dennoch: Ein furchtbar ängstlicher Blick heftete sich in diesem Dunkel auf mich, als mißtraute ich mir selbst, als ängstigte ich mich in Wirklichkeit vor mir selbst...“

Spätestens jetzt meinen wir ihn wiederzuerkennen, zu erinnern, diesen Erzählerblick, der im Objekt nur noch sich selbst spiegelt, sich und seine Angst. Robbe-Grillet hat ihn zwar nicht erfunden, aber doch in „La jalousie“ zum alles beherrschenden Thema hochgehext, und die Rolläden, mit denen Toussaint in seinem Text so beziehungsvoll spielt, sollen im französischen Wortlaut sicher auf den großen Vorläufer zurückweisen. O öde Wonnen der Intertextualität – o armes Frankreich! –, auch dort werden junge Erzähler also zurückgelockt in die verfallenen Paläste ehemaliger Avantgarde, um in trüben Spiegeln die Methodik der Methoden und die Zeichenhaftigkeit der Zeichen zu entdecken.

Nun wissen wir also, daß es auch möglich ist, einen Post-Noveau-roman zusammenzubasteln. Erfahren haben wir auch, daß ein Kriminalroman ohne Verbrechen, Aufklärungsinteresse und Spannung, wenn auch ausgestattet mit allem Brimborium der Gattung, methodisch ins Leere läuft. Wer Spaß hat an solchen Spielen mit vorhersehbarem Verlauf und Ausgang, der wird von Toussaint sorgfältig bedient. Wir anderen, seine ehemaligen Leser, hoffen auf seine baldige Wiederauferstehung aus der Familiengruft postexperimenteller Literatur.

  • Jean-Philippe Toussaint:

Der Köder

Roman; aus dem Französischen von Achim Russer: Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1993; 140 S., 32,– DM