Von Susanne Alck

Daß Rehe keine Pferde sind, ist für Alaska von untergeordneter Bedeutung. Die Hündin Alaska bleibt beim Kommando „Pferd“, ihrem persönlichen Oberbegriff für alles, was Beine hat, ungerührt am Wegrand sitzen und wartet, bis Rehe, Jogger oder eben Pferde außer Sichtweite sind. Ein Wort genügt, und Alaska hat ihren Jagdinstinkt im Griff besten Benehmens.

Alaska ist Kromfohrländerhündin und sympathische Wesensmerkmale machen den Charme ihrer Rasse aus: Offenheit, Lernfreude, geringe Jagdleidenschaft und tadellose Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten. Rein optisch hält sich der Charme jedoch in Grenzen. Kromfohrländer tragen scheckiges Strubbelfell und Ringelschwänze, was sich im amtlichen Rassestandard zwar als „rauhe Textur“ und „leicht gebogene Rute“ niederschlägt, aber auch nur eine höfliche Umschreibung für den landläufigen Straßenköterlook ist. Wer einen Kromfohrländer sein eigen nennt, der muß genügend Selbstbewußtsein haben, um mit einer Töle zu gehen, sagt Wanda Gräfin von Westarp, die offenbar genügend Selbstbewußtsein hat, denn sie nennt die Hündin Alaska ihr eigen und gehört zu den Pionieren des Kromfohrländerwesens. Zweifellos sind Kromfohrländer bemerkenswerte Zeitgenossen. Sie irritieren Genetiker, weil ihre Entstehungsgeschichte der Wahrscheinlichkeit eines Meteoriteneinschlags nahekommt, sie brüskieren Ästheten, weil sie so alltäglich aussehen wie ein Hausmeisterkittel, sie werfen letztlich die Frage auf: Was macht einen Hund eigentlich zum Rassehund?

Die meisten der rund 340 Hunderassen, die wir heute kennen, wurden im vergangenen Jahrhundert gezielt gezüchtet. Der Rüde Hektar Linksrhein, ein kerniger Kerl im Wolfshabitus, befruchtete damals ausgewählte Hündinnen und stieg zum Urvater der Schäferhunde auf. Den Dobermann züchtete um 1860 der gleichnamige Thüringer Steuereintreiber aus Pinschern, Doggen und charakterlich einschlägigen Mischlingen als scharfen Schutzbund.

Daß Hunde so leicht verformbar sind, hat schon immer Ehrgeiz und Sportsgeist der Menschen herausgefordert. Ohrenhöhe, Schnauzenlänge, Felldichte und Körpergröße: alles eine Frage der Zucht. Das wurde schließlich offiziell geregelt. Rassehunde unterliegen international kontrollierten Standards, die besten Zuchttiere werden bei Ausstellungen gekürt, Ausschüsse entscheiden über Paarungen, und Urkunden belegen all das amtlich. Die Natur hat sich weniger Mühe gemacht. Die Wildformen des Hundes wie Schakale, Wölfe, Dingos oder Kojoten tragen ein relativ gleichförmiges Äußeres. Allenfalls Kleinigkeiten wie die Ohrengröße sind Variationen unterworfen: Der skandinavische Wolf hat kleinere Ohren als seine südlichen Verwandten, ein Zugeständnis an die Durchblutung bei tiefen Temperaturen.

Alaska, die Vertreterin der jüngsten deutschen Hunderasse, verdankt ihr blaues Blut dem Ruf der Natur.

Ihr Urahn Peter war ihm einst gefolgt. Peter, eine ländliche Mischung unbekannter Herkunft, kam 1945 in Begleitung amerikanischer Soldaten ins Siegerland, wo er seiner biologischen Bestimmung gehorchte und mit der Foxterrierhündin Fiffi für Nachwuchs sorgte. Fiffis Welpen zeigten keinerlei Neigung, die ganze Vielfalt ihrer geschätzten 100 000 Gene auf 39 Chromosomenpaaren auszuschöpfen. Sie glichen sich wie ein Sechserpack Landeier. Das ist ungewöhnlich. Wenn Menschen, die mit nur 23 Chromosomenpaaren ausgestattet sind, sich so perfekt ähneln, dann sind sie entweder eineiige Zwillinge mit gleichem genetischen Erbe, oder sie können als Doppelgänger viel Geld verdienen. Unter nicht rassereinen Hunden ist eine solche Ähnlichkeit ebenfalls vollkommen unüblich, ein Zufall, der fast schon zu unwahrscheinlich ist, um wahr zu sein. Peters buntes Erbe hätte Fiffis reinrassige Gene zu ungeahnten Variationen ergänzen müssen. Aber nichts dergleichen. Hinzu kam: Fiffis Welpen bestachen schon im Halbstarkenalter durch die Wesensmerkmale, die Wanda Gräfin von Westarp an ihrer Alaska liebt.