Nachts herrscht auf der Autobahn Dortmund-Berlin Hochbetrieb. Besonders, wenn die Polizei Hehlerware abgreift: Razzia auf dem Weg nach WarschauSeite 2/3
Andreas Krummrey verzichtet darauf, den Bus zu durchsuchen, obwohl im Kofferraum sicher einige hundert Stangen Zigaretten zu finden wären. „Aber wie wollen Sie die Zigaretten den einzelnen Leuten zuordnen?“ fragt er. Außerdem tun ihm diese Leute leid, die aus Not schmuggeln. Eher schon hat er es auf Personen- und Lieferwagen abgesehen, vor allem jene mit Kennzeichen aus dem Raum Pila, wo sich Polens größtes Zigarettenlager befindet.
Dem Zoll macht der professionell betriebene Schmuggel erheblich zu schaffen. Allein im Bereich des Hauptzollamts Bielefeld, direkt an der A 2 gelegen, wurden im vergangenen Jahr 2,5 Millionen Zigaretten beschlagnahmt – und in einem Schredder hinter dem Zollamt vernichtet. 10000 Zigaretten schaffe der in 20 Minuten, sagt ein Beamter. Die Zentrale Steuerzeichenstelle in Bünde, die die Steuersiegel für Zigarettenpackungen herstellt, schätzt den jährlichen Steuerausfall allein durch Zigarettenschmuggel auf eine Milliarde Mark.
Doch geschmuggelt werden nicht nur Zigaretten, auch Spirituosen, Textilien mit gefälschten Markenetiketten, Raubkopien von Musikkassetten, Ferngläser, Nachtsichtgeräte, Zielfernrohre und anderes Material aus russischen Armeebeständen. Auf die Flut von beschlagnahmten Gütern war das Bielefelder Zollamt nicht vorbereitet; die Asservatenkammer, ein ehemaliger Aktenkeller, ist zum Bersten voll. Den Behördenparkplatz blockieren beschlagnahmte Kraftwagen.
Entdeckt wird das Schmuggelgut meist von der Mobilen Kontrollgruppe (MKG) des Zolls. Nach dem Wegfall der Grenzkontrollen innerhalb der Europäischen Union wurden solche Gruppen zur Kontrolle im Landesinnern bundesweit gebildet. Zum Einzugsgebiet der Bielefelder MKG gehört die A 2. In jüngster Zeit müssen die Zollbeamten bei Kontrollen auf der Autobahn zunehmend die Polizei um Amtshilfe bitten. „Die Schmuggler und Kuriere sind immer häufiger bewaffnet“, sagt Stephan Peters, bis vor kurzem Leiter der MKG. Jetzt erhalten die Bielefelder Zöllner zur „Eigensicherung“ Schießunterricht. Peters gab daraufhin die Leitung der Gruppe ab: „Ich wollte keine Waffe tragen.“
Es ist dunkel geworden auf der A 2. Den beiden Polizeibeamten, die mit ihrem Dienstfahrzeug an einer Ausfahrt stehen, fallen die drei in Kolonne fahrenden Autos mit gelben Scheinwerfern auf, offensichtlich französische Wagen. Autos mit französischen, belgischen und holländischen Kennzeichen sind auf der A 2 generell verdächtig, seit osteuropäische Autoschieber ihre Aktivitäten vor allem in diese Länder verlagert haben, unter Anwendung immer feinerer Methoden. So werden, erzählen die beiden Polizisten, gestohlene Fahrzeuge dort neuerdings von Fachleuten fachgerecht zerlegt und in Polen ebenso fachgerecht wieder in Autos verwandelt. Das ist nicht nur gute Tarnung, sondern spart auch Geld: Die Einzelteile werden als Schrott deklariert und können so zollfrei eingeführt werden.
Die Beamten fahren den drei verdächtigen Autos hinterher; es sind Ladas mit, tatsächlich, französischen Kennzeichen. Ein zweites Einsatzfahrzeug wird über Funk hinzugerufen, das sich vor den Konvoi setzt. An der Autobahnpolizeistation Herford werden die Wagen herausgelotst, die Fahrer vernommen. Es sind drei junge Litauer. Sie sehen übermüdet aus. Gepäck haben sie nicht. Eine Dolmetscherin wird gerufen. Sie arbeitet freiberuflich und kann seit einiger Zeit von den Aufträgen der Autobahnpolizei gut leben.
Die Dolmetscherin spricht russisch mit den dreien. Es stellt sich heraus, daß sie keine gültigen Visa haben, also illegal eingereist sind. Die Autos haben sie, wie ein Anruf in Frankreich bestätigt, regulär gekauft. Doch die Wagen tragen noch die Nummernschilder der Vorbesitzer, also: Kennzeichenmißbrauch. Außerdem sind die Autos nicht versichert, also: Fahren ohne Zulassung. Die Autos werden beschlagnahmt. Die Dolmetscherin versucht den Männern klarzumachen, daß sie jetzt irgendwie nach Litauen kommen müssen, um dort ihre Autos zuzulassen, dann wieder hierher, um die Wagen abzuholen. Außerdem: daß die drei zur Sicherung ihrer Strafverfahren 750 Mark pro Person zahlen müssen. Die drei sehen einander ratlos an. Dann packt der älteste von ihnen ein Bündel US-Dollar auf den Tisch. Die Summe reicht für alle.







