Robert Hughes' fulminante Abrechnung mit der Kultur der Wehleidigkeit

Eine Seuche namens p.c

Das ist also „das Amerika der späten achtziger und frühen neunziger Jahre: therapiebesessen, politikverdrossen, voller Mißtrauen gegen jegliche Art von Autorität, dafür aber um so anfälliger für Aberglauben, mit einer politischen Sprache, die zerfressen ist von geheucheltem Mitleid und Schönfärberei". Eine intellektuelle Seuche namens political correctness geht um. Sie sucht das ganze öffentliche und vor allem kulturelle Leben in den USA heim und greift längst auch auf Europa über.

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An den Universitäten stehen alle klassischen Autoren unter dem Generalverdacht, als Agenten im Dienste des abendländischen Kulturimperialismus zu wirken; in den Curricula werden deswegen die verhaßten dwems, die Dead White European Males durch die Verfasser obskurer Selbsterfahrungsschriften verdrängt, soweit sie irgendeiner sich für benachteiligt erklärenden Minderheit angehören. Im öffentlichen Sprachgebrauch wachsen Tabuzonen wie Ölflecken auf einer Wasseroberfläche: So gibt es keine Behinderten mehr, sondern nur noch differently abled, zu deutsch: „anders Befähigte". Im akademischen Bereich versagt niemand mehr, sondern „untervollbringt". Und der Chairman einer Fakultät ist natürlich längst eine chairperson geworden.

Solche Beobachtungen hat der amerikanische Kunstund Kulturkritiker Robert Hughes zu Hunderten in einem Buch versammelt, das eine fulminante Abrechnung mit dieser neuen Kultur der Wehleidigkeit (so der Originaltitel: „Culture of Complaint") darstellt. Doch Hughes, ein Star-Autor des Time-Magazins, der sich dem linksliberalen Spektrum zurechnet, gerät mit seiner Attacke politisch ziemlich ins Schleudern, und es verwundert nicht, daß inzwischen ultraprogressive und erzkonservative Kommentatoren gleichermaßen über ihn herfallen. Wahr ist nämlich, daß die totalitär angehauchten Zensurmaßnahmen gegenüber Künstlern wie Andres Serrano oder Robert Mapplethorpe von rechts kamen; wahr ist aber auch, daß die politisch korrekte Hypokrisie im akademischen Leben eine weitgehend linksorientierte ist.

In den Vereinigten Staaten mit ihrer geradezu mythischen Tradition nicht nur von Rede-, sondern von Ausdrucksfreiheit ist eine solche Tendenz überraschend, neu und ungewohnt. Zwar liegen dort von jeher Freiheitsideale und religiöser Rigorismus in einem endlosen, bereits von Tocqueville scharfsichtig erkannten Widerstreit - die Prohibition und der McCarthyismus gehören ebenso zur amerikanischen Geschichte wie die Bill of Rights und das First Amendment. Neu ist jedoch, daß die Ausweitung von „Rechten", zum Beispiel für Schwarze, Schwule oder Schwerbehinderte, auf Kosten des fundamentalen Rechts auf Redeund Meinungsfreiheit geschieht.

Mehr noch: Es zeichnet sich eine kulturelle Apartheidspolitik ab, bei der die Beurteilung von Kunstwerken gegen alle herkömmlichen Maßstäbe erfolgt, da „Qualität" ja bloß ein Komplott der weißen Herrenrasse ist. Im New Yorker Schulwesen haben die militanten Vertreter dieses schwarzen (und nebenbei kräftig antisemitischen) Fundamentalismus bereits den Fuß in der Tür. Ihr „Selbstwertgerede wird in Ansichten verpackt, die, wenn sie von Weißen kämen, sofort die Rassismus-Alarmglocken zum Schrillen bringen würden".

Trotzdem zeigt sich der gebürtige Australier Hughes, der es nicht bereut, ohne Fernsehen und mit einer durch und durch kolonialistischen Erziehung aufgewachsen zu sein, zuversichtlich: „Will man die kulturellen Folgen der amerikanischen Vielfalt als Werkzeug benutzen, um das amerikanische Gemeinwesen zu zerschlagen, geht nur das Werkzeug selbst zu Bruch."

Burkhard Müller-Ullrich

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  • Datum 18.3.1994 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 18.03.1994 Nr. 12
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