Vor bald zweihundert Jahren machte ein kleiner korsischer General französische und europäische Geschichte, indem er sich zu ihrem Agenten erklärte. Napoleone Buonaparte, wie er noch bis 1795 hieß, präsentierte sich anfangs unbeholfen, dann mit schlafwandlerischer Sicherheit als Mann der Stunde: Er war der "Degen", vor dem Robespierre stets gewarnt hatte, den aber die ehemaligen Revolutionsgewinnler dringend brauchten, um "Ruhe und Ordnung" herzustellen, ohne die in den Revolutionsjahren entstandenen neuen Eigentumsverhältnisse rückgängig zu machen. Die während des Direktoriums erprobte Praxis des permanenten Staatsstreichs wurde von ihm zur Regierungsmethode ausgebaut, und, gestützt auf eine riesige Armee, machte er sich daran, vom Atlantik bis zum Ural ein Empire zu errichten, das er dann Stück für Stück an einen "neuen Adel" verteilen konnte.

Über keinen Diktator, mit Ausnahme Hitlers, ist so viel geschrieben worden. Und wohl keiner fand posthum so viele Anhänger. Fast jeder Tag in seinem Leben wurde einfühlsam erforscht, auch die Nebenfiguren fanden bald ihre oft allzu gnädigen Biographen. Allein die Fragen: Wie war das möglich? Wie konnte mitten in Europa und sogar unter Beteiligung der meisten Staaten (nur so wurden die Wittelsbacher zu Königen!) ein derart gigantischer Bluff funktionieren, ja am Ende sogar dauerhafte Gesellschafts- und Rechtsstrukturen hinterlassen? sind nach wie vor offen. Nicht zufällig hat der holländisch jüdische Historiker Jacques Presser in seinem während des Krieges im Amsterdamer Untergrund verfaßten Napoleon Buch (das kürzlich im Manesse Verlag wieder aufgelegt wurde) die grotesken Seiten und das organisierte Chaos des bonapartistischen Systems mit einem Seitenblick auf die Praktiken Hitlers und seiner Satrapen dargestellt. Bis heute freilich wird der Mann aus Ajaccio lieber mit Hegel als "Weltgeist zu Pferde" verklärt denn als Condottiere der bürgerlichen Revolution gezeichnet, dessen "aufhaltsamer Aufstieg" und dessen "Geschäfte" uns Nachgeborene an gewisse Texte von Brecht erinnern sollten.

Da auch in deutscher Sprache viele gute, ja hervorragende Napoleon Biographien vorliegen (von Georges Lefebvre, Walter Markov, Jean Tulard), dürfte das kleine Buch von Roger Dufraisse vor allem wegen seiner Kürze und Prägnanz auf Interesse stoßen. Es wurde für die bekannte französisphe Taschenbuchreihe "Que sais je?" verfaßt, die vor allem Schülern und Studenten das unerläßliche Basiswissen vermitteln soll. Originelle Fragestellungen, gelehrte Exkurse oder literarische Ambitionen sind damit von vornherein ausgeschlossen. Solides, fast schon normiertes Wissen wird verlangt. Dies hat zur Folge, daß alle Themen immer nur angetippt werden können und daß der Autor auch jene Fragen, über die er selbst intensiv geforscht hat, nicht weiter ausführen darf. Obwohl Dufraisse zum Beispiel seit vielen Jahren als einer der besten Kenner der deutsch französischen Beziehungen in der Napoleonischen Ära gilt und sicher neues Material oder zumindest neue Thesen hätte vorlegen können, bekommen wir in diesem Büchlein nicht mehr zu lesen, als in jedem guten Handbuch steht. Wäre es da nicht sinnvoller gewesen, einige der besten Abhandlungen des Autors zu einem originellen und originären Buch zusammenzustellen?

Auch eine Biographie en miniature - wie sie etwa Fernand Braudel über Karl V geschrieben hat - ist dieses Buch eben nicht: Der "Meister" und alle übrigen Figuren bleiben farblos, weder der politische Vordergrund noch die Kulissen und Hintergründe werden lebendig. Gehobenes Abiturwissen also, freilich mit der zusätzlichen Einschränkung, daß deutsche Abiturienten kaum jene Vorkenntnisse in französischer Geschichte und Terminologie mitbringen, die in dieser - übrigens manchmal holprig und irreführend übersetzten Ausgabe stillschweigend vorausgesetzt werden: Revolutionär und Monarch. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Suzanne Gangloff; C H. Beck Verlag, München 1994; 182 S , Abb, 34- DM