Mafia, P 2 und die Ritter
In Italien hat mittlerweile der Kampf gegen Korruption einen Namen: Operation „Saubere Hände". Mutige Mailänder Staatsanwälte ermitteln gegen prominente Politiker und mächtige Staatsdiener. Zum Beispiel gegen die früheren Ministerpräsidenten Giulio Andreotti und Arnaldo Forlani und gegen den ehemaligen Sisde-Geheitndienstchef Siziliens, Bruno Gontrada.
Andreotti wird verdächtigt, mit der Mafia kooperiert und einen Mord in Auftrag gegeben zu haben, Forlani ist in einen Schmiergeldskandal verstrickt, und Contrada sitzt im Gefängnis, weil er ein Maulwurf der Mafia sein soll. Aber die drei haben auch noch andere Gemeinsamkeiten: Sie sind Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.
Das Großmeisteramt, die oberste Ordensleitung in Rom, mußte mittlerweile die geheimen Mitgliederlisten an die Staatsanwaltschaft aushändigen. Die Ermittlungen laufen noch. Ein Blick in die Listen ergibt: Einfädler, Nutznießer und Hintermänner nahezu aller großer Finanzskandale und politischer Machenschaften der letzten 25 Jahre sind oder waren im Ritterorden vertreten. Die spektakulärsten Bankpleiten gehen zwar auf das Konto der Mafiafinanziers Michele Sindona und Roberto Calvi, Rechtsterrorismus und Putschversuche auf das von Licio Gelli, Faschist und Großmeister der mittlerweile verbotenen Freimaurerloge Propaganda Due (P 2) - in der zweiten und dritten Linie jedoch wimmelt es von Grabesrittern. • Michele Sindona wurde von Baron Massimo Spada, damals Vatikanbankchef und Grabesritter, in die Gesellschaft der Hochfinanz eingeführt. Später wurde Sindona Berater der Vatikanbank IOR, für ihn die ideale Geldwaschanlage, bis man ihn 1980 in den USA wegen betrügerischen Bankrotts zu 25 Jahren Gefängnis verurteilte. In Italien wurde auch gegen Sindona ermittelt. Baron Massimo Spada, Sindonas alter Mentor, Luigi Mennini, Generalsekretär des IOR, und Mario Barone, Direktor des Banco di Roma, wurden verhaftet. Alle drei sind Grabesritter. Als Sindona 1986 nach Italien ausgeliefert wurde, wollte er auspacken. Am 21. März 1986 lag er tot in seiner Gefängniszelle: Rattengift im Kaffee. • 1981 kamen die dunklen Machenschaften der geheimen Freimaurerloge Propaganda Due (P 2) ans Licht: Logenmeister Licio Gelli hatte Wirtschaftsbosse, Kardinale, Militärs und Politiker um sich geschart. Er wollte „einen unblutigen Staatsstreich mit Hilfe der Kirche". Dennoch wurde der Bombenanschlag von Bologna, bei dem 85 Menschen starben, der P2 zugeschrieben. Über den Skandal stürzte die Regierung Forlani, die P 2 wurde verboten. Aber einige Logenmitglieder waren längst im Ritterorden organisiert, allen voran Gellis Adlatus Umberto Ortolani.
Die Vatikanbank befindet sich in einer Festung. Auf den ersten Blick ist es eine Bank wie jede andere. Aber daß die Vatikanbank keine normale Bank ist, verrät schon ihr Name: Institut für religiöse Werke, kurz: IOR (Istituto per le Opere di Religione). Der exklusive Kundenkreis: Bürger des Vatikanstaats oder Diplomaten sowie Angehörige der Kurie und des italienischen Hochadels und Leiter religiöser Orden. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Leitung der Bank durchgehend in den Händen von Grabesrittern: zuerst Baron Massimo Spada, der für das IOR in diversen Aufsichtsräten italienischer Banken (und dazwischen im Gefängnis) saß, dann Generalsekretär Luigi Mennini und Chefbuchhalter Pellegrino de Strobel.
Wegen illegaler Geldtransfers kommt die Vatikanbank hin und wieder in die Schlagzeilen. Weil der Vatikan seit Abschluß der Lateranverträge mit Mussolini ein eigenständiger Staat ist, ist das IOR nicht an die italienischen Devisengesetze gebunden. Bänkangestellte römischer Banken beispielsweise bringen Bargeldsummen zum IOR und deponieren es dort auf den Namen einer Person, die ein Konto unterhält. Das IOR wiederum überweist dann die Summe auf das Konto des ursprünglichen Besitzers, ara liebsten bei einer Schweizer Bank.
1982 war die Vatikanbank im Zusammenhang mit dem 1,4-Milliarden-Dollar-Bankrott des Banco Ambrosiano in die Schlagzeilen geraten. Die Riesensumme war mit Hilfe von Garantiebriefen der IOR-Banker am internationalen Finanzmarkt zusammengerafft worden und anschließend in karibischen Briefkastenfirmen verschwunden. Eigentümer der Tarnfirmen war das IOR.
Der Heilige Stuhl ließ verkünden: Das IOR sei unschuldig und Opfer finsterer Machenschaften geworden. Eine siebenköpfige interne Kommission, darunter Grabesritter Hermann Josef Abs und Kurienkardinal Maximilien de Fürstenberg, damals Großmeister des Ritterordens, sollten die Affäre Ambrosiano/IOR untersuchen. Ein Jahr lang prüften Grabesritter Abs und de Fürstenberg das Geschäftsgebaren ihrer Ordensbrüder, der IOR-Manager Mennini und de Strobel. Das Ergebnis stand am 1. Juni 1984 im L'Osservatore Romano, dem Verlautbarungsorgan des Vatikans: „Das IOR trägt keine Verantwortung an dem Zusammenbruch des Banco Ambrosiano."
- Datum 25.03.1994 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.03.1994 Nr. 13
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