Dunkle Ritter im weißen Gewand

Von Egmont R. Koch und Oliver Schröm

Aus dem Gebetbuch der Grabesritter Heinrich Maria Graf Henckel von Donnersmarck, der jetzt „Herr Augustmus" heißt, weiß, daß der Mantel mit dem fünffachen Jerusalemkreuz seine Nachteile hat. Dunkle Flekken zum Beispiel sind auf dem elfenbeinweißen Tuch sofort zu sehen.

Als seine Brüder und Schwestern in ihren Ordensmänteln durch Köln ziehen, regnet es Über den Domplatz bläst ein scharfer Wind. Es ist kalt. Außer den 500 Grabesrittern und Ordensdamen, die in Zweierreihen marschieren, ist an diesem frühen Sonntag des 3. Oktober 1993 noch niemand auf den Beinen.

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Die Männer und Frauen sind Mitglieder im Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem, einem Eliteorden, der unter dem Schutz des Papstes steht „Die Besten der Besten" nennen sie sich selbst. Zum Orden gehören sowohl Laien als auch Geistliche. Ihre Aufgabe: „Die Verteidigung der Rechte der katholischen Kirche im Heiligen Land Ihr Privileg: „Vollkommener Ablaß durch den Heiligen Stuhl Ihr Leitspruch: „Deus lo vult" (Gott will es).

An diesem stürmischen Morgen sind die Grabesritter auf dem Weg zur Kölner Minoritenkirche. Dort soll nach dem Sonntagsgottesdienst eine Kapitelsitzung stattfinden, die das Ende einer dreitägigen Versammlung krönt. Der Prozessionszug ist zwei, dreihundert Meter lang und windet sich durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an Benetton, Beate Uhse und Burger King - Bastionen der Neuzeit, an denen Frauen und Männer vorbeischreiten, die in ihren wallenden Gewändern dem Mittelalter entsprungen zu sein scheinen. Die Männer marschieren vorneweg — Auf den Köpfen tragen sie Barette aus schwarzem Samt. An der rechten Seite der Mützen kleben die Kokarden. Die weißen Mäntel sind in Form eines Vollrades geschnitten und reichen bis weit unter die Knie. Wenn eine Böe bläst, plustern sie sich auf wie Pfauenräder.

Die Frauen, die am Schluß des Zuges laufen müssen, tragen Mäntel aus schwarzem Seidensamt, und ihre Häupter sind mit schwarzen Schleiern bedeckt. Wie die Mäntel der Männer zieren auch ihre Gewänder fünf blutrote Kreuze, Symbol für die fünf Wunden Christi. Sie nennen es Jesuskreuz, Jerusalemkreuz oder auch Gottfried vonBouillon Kreuz.

„Miles Christi" - „Krieger Christi", so bezeichnen sich die Grabesritter in ihren Gebetbüchern. Sie sehen sich in der Tradition des Kreuzritters Gottfried von Bouillon, der am 15. Juli 1099 Jerusalem eroberte und unter dem Schlachtruf „Deus lo vult" ein Blutbad unter den Muslimen anrichtete „Im Ritterorden vom Heiligen Grab", heißt es in einem Ordensstatut, „sollen die Ideale der Kreuzzüge in neuzeitlicher Form weiterleben " Während Gottfried von Bouillon noch mit dem Schwert für die Verteidigung des Heiligen Grabes kämpfte, zücken die Glaubenskrieger heute ihre Scheckbücher, um katholische Palästinenser in Israel, der Westbank, im Gaza Streifen und in ihrem Existenzkampf gegen Juden zu unterstützen. Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem hat seinen Hauptsitz in Rom. Die Geschäftsräume des Ordens befinden sich auf dem 44 Hektar großen Gelände der Vatikanstadt, im Gebäudekomplex des Hotels „Columbus", einer noblen Herberge im mittelalterlichen Prunk. Sie gehört dem Orden.

An der Spitze des Ordens steht der KardinalGroßmeister. Zur Zeit ist es Kurienkardinal Giuseppe Caprio. Dem geistlichen Ordensführer steht das Großmeisteramt, die oberste Ordensleitung, zur Seite. Weltweit gibt es 18 000 Grabesritter, organisiert in 39 Statthaltereien in 25 Ländern. Die deutsche Statthalterei hat 1000 Mitglieder, verteilt auf 5 regionale Provinzen, die wiederum in 35 Komtureien aufgegliedert sind.

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