Er war, neben SED-Generalsekretär Erich Honecker und Staatssicherheitsminister Erich Mielke, der mächtigste Mann in der DDR: Günter Mittag, Sekretär für Wirtschaft, Mitglied des SED-Politbüros und des Staatsrates der DDR. Er ist am Freitag voriger Woche im Alter von 67 Jahren gestorben. Verantwortlich konnte er nicht mehr gemacht werden für das ökonomische Und ökologische Desaster, das er in der DDR angerichtet hatte. Denn die Zuckerkrankheit, unter der er seit vielen Jahren litt, hatte ihn verhandlungsunfähig gemacht.

Wahrscheinlich hat Mittag, trotz einiger selbstkritischer Töne nach dem Ende der DDR, selber nie begriffen, wie tief er die DDR-Wirtschaft in die Krise gestürzt hat. Den finanziellen Ruin und den unaufholbaren Rückstand der Wirtschaft hat Günter Mittag zwar früher erkannt als die meisten anderen SED-Funktionäre, aber er ließ Bilanzen fälschen und Statistiken frisieren, um das Versagen nicht eingestehen zu müssen. Es war nicht nur das Versagen des sozialistischen Wirtschaftssystems, sondern auch das Scheitern eines Mannes, der Fehler auf Fehler häufte und Widerspruch nicht duldete.

Man nannte den gelernten Eisenbahner gelegentlich den „Wirtschaftszar“ der DDR: allmächtig, despotisch, eitel. Die Plankommission, die zuständigen Minister, die Kombinatsdirektoren – alle hatten zu parieren, oder sie flogen aus ihrem Amt. Der Ideologie wurde alles geopfert: die Effizienz, die Vernunft und die Wahrheit.

Anfang der sechziger Jahre war Mittag zusammen mit Erich Apel als Schöpfer des Neuen Ökonomischen Systems bekannt geworden. Es sollte einige marktwirtschaftliche Elemente in die Planwirtschaft einführen. Aber als Ulbricht die Reformen stoppte und Apel Selbstmord beging, exekutierte Mittag die neue Linie. Immer zentralistischer, monopolistischer, bürokratischer wurde die DDR-Wirtschaft organisiert. Unsinnige Prestigeprojekte fraßen die Mittel, die anderswo fehlten. Der Staatsverbrauch wuchs, die Investitionen sanken, die Versorgung der Bevölkerung verschlechterte sich. Erst Mitte 1989 wollte Mittag das Steuer herumwerfen, Preise erhöhen, Subventionen kürzen und die Zahlungsbilanz konsolidieren. Aber da war es längst zu spät.

Nach der Wende gehörte Günter Mittag zu den ersten, die ihre Ämter verloren und aus der SED ausgeschlossen wurden. Eine vierzigjährige steile Parteikarriere endete mit einem jähen Sturz.

Joachim Nawrocki