Die Bundesregierung bejubelt eine Trendwende am Wohnungsmarkt - reichlich voreilig Der Mißstand bleibt

In Bonn wird neuerdings schon gefeiert, wenn Schlimmes nicht mehr so schnell schlimmer wird. Aus Anlaß ihres neuesten Wohngeldund Mietenberichts rühmt sich die Bundesregierung, weil die Wohnkosten 1993 langsamer gestiegen sind als im Jahr zuvor. Die Freudenbotschaft von der „Trendwende am Wohnungsmarkt" birgt eine Gefahr: Die Bürger könnten darauf hereinfallen und die Wohnungspolitiker aus der Pflicht entlassen.

Um „nur noch" 5 1 Prozent seien die Mieten in Westdeutschland im Durchschnitt gestiegen. Damit lag der Preisschub immer noch um rund einen Prozentpunkt über der allgemeinen Geldentwertung, während die Reallöhne der meisten Mieter schrumpften. Auch daß die Mieten bei Neueinzug im vergangenen Jahr lediglich um rund zwei Prozent zugelegt haben, ist kein Grund zur Zufriedenheit. Die Steigerungsrate liegt zwar wesentlich niedriger als in den Jahren zuvor - weil mehr Neubauten hochgezogen wurden und die Rezession die Nachfrage nach teuren Wohnungen verringert hat, konnten selbst die gerissensten Makler die Erhöhungen der vergangenen Jahre nicht mehr durchsetzen. Aber an dem seit Ende der achtziger Jahre gewachsenen Mißstand auf dem Wohnungsmarkt ändert der geringere Mietenanstieg so gut wie nichts.

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In den vergangenen fünf Jahren sind die sogenannten Neuvertragsmieten um rund vierzig Prozent emporgeschnellt - doppelt so rasant wie die Mieten insgesamt. Die Folge: Es klafft eine immense Lücke zwischen denen, die seit längerem eine Wohnung haben, und denen, die eine neue Bleibe suchen. Wer ein Kind erwartet und daher eine größere Wohnung braucht, muß oft das Doppelte der bisherigen Miete auf den Tisch legen. Wer umgekehrt im Alter in eine kleinere Wohnung wechseln will, wird ebenfalls abgeschreckt. Wer wegen eines neuen Jobs umzieht, hat gleichermaßen Pech gehabt. Das ist nicht nur ungerecht aus Sicht der Betroffenen. Darunter leidet auch die Mobilität der Arbeitnehmer, und eine den Mieterbedürfnissen angepaßte Wohnraumverteilung wird unmöglich.

Die von der Bundesregierung konstatierte Marktberuhigung tritt vor allem bei den teuren Wohnungen ein. Aber die Luxusnachfrage war schon im vergangenen Jahr so weit zurückgegangen, daß die Monatsmieten von mehr als achtzehn Mark pro Quadratmeter stagnierten. Demgegenüber nimmt aber der Bestand an billigen Wohnungen ab, weil Vermieter modernisieren, neu vermieten oder ihre Objekte als Eigentumswohnungen verkaufen Ärmeren Mietern, die trotz Berechtigungsschein keine Sozialwohnung bekommen oder gerade über den Einkommensgrenzen dafür liegen, präsentiert sich der Markt daher alles andere als entspannt.

Das meiste bleibt für die Wohnungspolitiker noch zu tun: Vorschriften abbauen, damit billiger gebaut werden kann; für preiswerteres Bauland sorgen; den Wucher bei Neuvermietungen effektiver bekämpfen; den sozialen Wohnungsbau reformieren und auch langfristig weiterfördern. Wenn der Markt wieder ins Gleichgewicht kommt, sollten die Politiker schließlich die enormen rechtlichen Unterschiede zwischen Alt- und Neuvermietungen reduzieren. Aufgaben zuhauf! Nichts wäre fataler, als sich jetzt auf einem Minimalerfolg auszuruhen. Uwe Jean Heuser

 
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