Stürzt Südafrika in den Bürgerkrieg?: Notstand am Kap
Von Bartholomäus Grill
Sind freie und faire Wahlen in Südafrika überhaupt noch möglich? Seit Montag vergangener Woche, als in Johannesburg 31 Menschen getötet wurden, wachsen die Zweifel. Die Regierung hat den Ausnahmezustand über die Provinz Natal verhängt und Militäreinheiten dorthin entsandt. Doch Mord und Totschlag gingen weiter. Die Angst vor einem Bürgerkrieg wächst.
Wenn die Bürger auf dem Weg zum Einkaufen ihres Lebens nicht mehr sicher sein können, wie wird es erst am Wahltag werden? Wer schützt sie vor dem Terror? Die Sicherheitskräfte sind selber Teil des Problems, das sie lösen sollen. Seit ranghohe Generale im Verdacht stehen, die Gewalt zu schüren, schwindet das öffentliche Vertrauen auch in die Polizei. Die angesehene Kommission von Richter Goldstone wirft ihr illegalen Waffenhandel, Anstiftung zu Massakern und die Ausbildung von Todesschwadronen vor.
Auch die Autorität von Staatspräsident de Klerk verfällt. Seine Regierung kann die Geister nicht mehr bannen, die sie einst rief. Zum Beispiel Mangosuthu Buthelezi. Er will Chef des Reservates KwaZulu bleiben. Der Häuptling scheut Wahlen wie der Teufel das Weihwasser, weil seiner rechten Inkatha-Partei eine haushohe Niederlage gegen Nelson Mandelas linken African National Congress droht. In diesem Fall würden Buthelezi und seine Günstlinge all die fetten Pfründen und Privilegien verlieren, die ihnen das Regime in Pretoria bis heute schenkt. Also boykottiert seine Partei den Urnengang nicht nur; sie will ihn sogar unmöglich machen: Zulu-Monarch Zweiithini – ein gefügiger Neffe Buthelezis – hat bereits ein souveränes Königreich ausgerufen.
Millionen von Zulus aber wollen nicht in diesem archaischen Stammesgebiet leben, sondern im neuen Südafrika. Die Folge: Es kommt in Kwa-Zulu zu blutigen Scharmützeln zwischen ANC und Inkatha, zwischen Wahlwilligen und Wahlverweigerern. Man werde einen Befreiungskampf liefern, „wie ihn Afrika noch nie gesehen hat“, tönt Buthelezi. Jetzt platzte auch Staatspräsident de Klerk, seinem ehemaligen Freund und Förderer, der Kragen: Was Buthelezi sagt, laufe auf eine Kriegserklärung hinaus. Nun kehrt sich das Wort auch gegen jene, die den Häuptling protegiert haben. Zu ihnen gehörte neben Margaret Thatcher und Ronald Reagan auch Bundeskanzler Kohl.
Wenn die Verwaltung von KwaZulu nicht kooperiere, seien freie Wahlen nicht möglich, erklärte Richter Kriegler, der Leiter der unabhängigen Wahlkommission. Doch wer soll den Säbelraßler aus Ulundi zur Räson bringen? Er kommandiert eine als Polizei verkleidete Privatarmee, die Menschenrechte nicht kennt. Die Schlägerbanden der Inkatha und die insgeheim von südafrikanischen Militärs und Polizisten gedrillten „Selbstschutzeinheiten“ verbreiten Furcht und Schrecken.
Den Reformern – Mandela und de Klerk – scheinen die Zügel aus der Hand zu gleiten: Die alte Regierung setzt ihre Machtmittel nicht mehr entschlossen genug ein, die künftige Regierung hat noch keine Staatsgewalt. Ein Interregnum lähmt das Land. Nun droht der ANC, seine Volksmacht aufzubieten und Buthelezis Regime durch Streiks und Massenaktionen auszuhebein. Allein, so glimpflich wie im Homeland Boputhatswana liefe das in KwaZulu gewiß nicht ab. Der Umsturz würde womöglich einen Bürgerkrieg entfachen, der wie ein Buschfeuer auf jene Krisenregionen übergreifen könnte, in denen weiße Rechtsextreme zur letzten Schlacht für die Apartheid rüsten.
Es bleibt keine Wahl vor der Wahl: Die Regierung muß noch mehr Soldaten in die Unruheherde verlegen. Sie muß versuchen, die Kampftruppen des ANC und der Inkatha zu isolieren und zu entwaffnen. Eines aber kann sich Pretoria nicht leisten: die Verschiebung der Wahlen – sie käme einer Kapitulation der Kräfte des Wandels vor dem Terror gleich.






