Lebensmittelskandale: Rinderwahnsinn und Schweinepest stellen die Massentierhaltung in FrageFleisch vom Fließband

Von Ralf Rumpel von Ralf Rumpel

Das "Stück Lebenskraft" ist in Verruf geraten. Beim Verzehr von Rindfleisch schwingt die Angst mit, so wie die englischen Kühe in geistiger Umnachtung zu enden. Und beim Borstenvieh bleibt einem eingedenk der Schweinepest der Klops im Hals stecken. Natürlich sei Fleischgenuß weiterhin völlig unbedenklich, versichern Landwirte, Verbände, Ämter und Regierungen. Erstens gerate verdächtiges Fleisch nicht an den Konsumenten. Und zweitens, gerate trotzdem einmal ein zweifelhaftes Stück Fleisch auf den Teller, bestehe kein Grund zur Besorgnis. Denn die Seuchenerreger hätten für die Spezies Mensch nichts übrig.

Doch liegt nicht in einer Liverpooler Isolierstation die sechzehnjährige Vicky Rimmer mit der geheimnisumwitterten Creuzfeldt- Jakob Krankheit (CJK), deren Verlauf frappante Ähnlichkeiten zum Rinderwahnsinn aufweist? Erkrankten nicht so unterschiedliche Spezies wie Ziegen, Nerze, Affen, Katzen und andere Säugetiere, nachdem sie infiziertes Rindfleisch gefressen hatten? Und wurden die Rindviecher selbst nicht dadurch angesteckt, daß ihnen Fleisch von Schafen in die Tröge geschüttet wurde, die an der sogenannten Traberkrankheit litten?

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Die Wiederkäuer wurden um des schnellen Ertrages willen von ihren Mästern in Fleischfresser verwandelt. Ihnen wurden zerriebene Kadaver ins Futter gemischt. Tiermehl ist proteinhaltig und, da hauptsächlich aus Abfallfleisch hergestellt, billiger als pflanzliche Beimischungen wie Soja. Durch unzureichende Erhitzung des Mehls bei der Verarbeitung sprang der Erreger in England Anfang der achtziger Jahre auf das Rind über und löste den Wahnsinn aus. Die Kühe fraßen auch verseuchte Überreste ihrer eigenen Artgenossen. Das "Infektionskarussell Schlachthof Futter RindSchlachthof", so der Mikrobiologe und Epidemiologe Hermann Feldmeier, drehe sich immer schneller.

Mit der unheilvollen Verfutterungspraxis sind die Fleischerzeuger nicht zum erstenmal in die Schlagzeilen geraten. Skandalöse Zustände an deutschen Schlachthöfen, tierquälerische Viehtransporte, Hormoncocktails für Östrogenkälber, als "Wildspezialität" deklariertes Känguruhfleisch, Gammelware in Supermarkt Fleischtheken - die Tierseuchen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Skandale beschränkten sich indes keineswegs aufs Fleisch: 1985 Nudeln aus angebrüteten Eiern, 1987 Fischwürmer, 1988 Bakterien Weichkäse, 1989 Nitrat im Mineralwasser, 1992 Salmonelleneier - kaum ein Jahr vergeht, ohne daß eine neue Panikwelle wegen verseuchter oder vergifteter Nahrungsmittel die Verbraucher in Aufruhr versetzt. Die jüngste Hiobsbotschaft lautet: Pflanzenschutzmittel im Babybrei (siehe auch nächste Seite).

Völlig rückstandsfreie Lebensrnittel lassen sich heute kaum mehr produzieren. Die Belastung von Luft, Wasser und Boden mit Schadstoffen aus Industrie und Verkehr hinterläßt überall ihre Spuren. Nicht einmal die ökologische Lebensmittelproduktion kann sich hiervon abkoppeln. Schadstoffpartikel landen auf dem biologisch dynamischen Feld ebenso wie auf dem intensiv bewirtschafteten.

Die meisten Lebensmittelskandale allerdings sind eine direkte Folge moderner Konsum- und Ernährungsgewohnheiten. Die Wohlstandsbürger sind es gewohnt, alles zu jeder Zeit, in unbeschränkter Menge, bequem und billig genießen zu können. Dieser Anspruch ist mit einer naturnahen, schonenden Nahrungsmittelproduktion immer weniger vereinbar. Wenn jeden Tag Schnitzel, Braten und Wurst auf dem Speiseplan stehen müssen, kann der Landmann nicht auf jedes einzelne Kalb achten. Massennachfrage verlangt nach industrieller Produktion.

In Deutschland werden 16 2 Millionen Rinder, 26 8 Millionen Schweine und fast 100 Millionen Hühner gehalten. 90 Prozent aller Hühner fristen ihr Dasein in Legebatterien, 43 Prozent der Rinder und 85 Prozent der Schweine in Betrieben mit über 100 Tieren, 23 Prozent der Schweine gar in Betrieben mit über 1000 Artgenossen. High TechStallungen mit Flüssigfütterungsanlagen und Bodenspalten für den automatischen Gülleabfluß ermöglichen eine "bodenunabhängige Viehhaltung". Um die Fleischausbeute ihrer Rinder zu erhöhen, verabreichten der westfälische Kälberbaron Hying und seine Konsorten 1988 ihren Tieren verbotene wachstumsfördernde Hormonspritzen. Durch gezielte Zuchtmethoden benötigen Schweine nur noch sechs Monate bis zur Schlachtreife, enthalten zwei Rippen mehr und hinterlassen weniger unbrauchbare Schlachtabfälle. Hormone und Antibiotika, Überzüchtung und Dauerstreß hinterlassen ihre Spuren. Vor allem Schweine degenerieren, fressen sich gegenseitig an; ihr Fleisch wird blaß (pale), weich (soft) und wäßrig (exudative) das berüchtigte PSE Fleisch, das in der Pfanne zu einem grauen, geschmacklosen Klumpen zusammenschrumpft.

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