Von Rudolf Walter Leonhardt

Man sagt den Deutschen gern nach, daß sie kein Thema behandeln können, ohne bei Adam und Eva anzufangen. Diesmal ist es ein Italiener, der so beginnt: „Unsere Geschichte hat vor sehr vielen anderen den Vorteil, daß sie mit dem Anfang beginnen kann.“ Dieser Satz hat den Vorteil, daß er, anders als viele, die ihm folgen sollen, ohne weiteres verstanden werden kann. Später jedoch erweist sich das Vorwort des Herausgebers dieser verdienstvollen Reihe „Europa bauen“ (in der das Buch erschienen ist), Jacques Le Goff, als Irreführung des Lesers. Le Goff schreibt: „Durch ihr Bemühen um Klarheit sind all diese Essays für jedermann verständlich.“ Da wird jedermann sich große Mühe geben und viele Lexika wälzen müssen. Oder gehören Wörter wie diese zum allgemeinen Wortschatz: „Glossalie“, „Xenoglossie“, „Laxem“, „taxonomisch“, „Syntagmatik“, „porphyrisch“, „atomische Züge, aus denen sich ein totaler Isomorphismus ergibt“? Sie kommen nicht gelegentlich vor, sie dominieren. Da ist einer dankbar, wenn er „Mnemotechniken ähnlich“ auch auf englisch geboten bekommt: „for the better helping of the memory“. Englisch ist eben doch die heute in dieser unvollkommenen Welt vollkommenste Sprache. Der Italiener Eco hat kein recht glückliches Verhältnis zu ihr. Davon später.

Mit dem Anfang anzufangen, also mit der Sprache, in der Gott mit Adam kommunizierte, verschiebt Ecos „Suche nach der vollkommenen Sprache“ auf eine metaphysische Schiene, wo sich Linguistik mit der Exegese heiliger Bücher verbindet. Eco konfrontiert uns mit der scholastischen Frage, ob denn die Menschen von Gott zur Vielsprachigkeit verdammt wurden wegen ihres Turmbauversuchs zu Babylon (Genesis 11, 4-7) oder ob die Kinder von Ham und Sem schon vorher verschiedene Sprachen hatten (Genesis 10, 31). Er fährt fort mit der im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein vieldiskutierten Frage, ob es denn wirklich ein Fluch oder nicht eher ein Segen sei, daß die verschiedenen Völker dieser Erde verschiedene Sprachen sprechen.

Vom Anfang bis zum Ende dieser umfänglichen Untersuchung bleibt unklar, was das denn nun eigentlich sei, eine „vollkommene Sprache“ („una lingua perfetta“). Ist es die Sprache, die der Gottes (oder der „Natur“) am nächsten kommt? Ist es die so vollkommen wie möglich gestaltete Nationalsprache? Ist es eine a priori auf logischen Prinzipien aufgebaute Universalsprache? Ist es eine (a posteriori) zur Weltsprache erhobene Nationalsprache oder Kunstsprache? Ist es eine Sprache der Zukunft, in der Computer miteinander oder auch mit außerterrestrischen Wesen verkehren können?

Das ist alles ziemlich abstrakt. Jemand von der Erzählkraft eines Umberto Eco hätte es auflösen, eines nach dem anderen beschreiben können, ob er nun selber Stellung nähme oder nicht. Statt dessen hat er eine nicht thematische, sondern chronologische Anordnung gewählt: Ein Sprach-Erfinder nach dem anderen passiert Revue, von Moses von Leon bis zu Couturat und Léau, die meisten – dem Laien zu Recht – unbekannt. So wird das Ganze zu drei Vierteln eine Geschichte der semantisch-philosophischen Semiotik, für die sich der Autor auch noch bei seinen Fachkollegen entschuldigt wegen ihrer populistischen Darstellung. Kein Zweifel: Das alles hätte sich noch akademisch spezialisierter darstellen lassen. Aber uns reicht’s. Zu vieles ist zu schwer verständlich, und zu wenig gibt Antwort auf unsere Frage nach der vollkommenen Sprache.

Der normale, aber sprachbegeisterte Leser freut sich, auf ein Kapitel „Dante“ zu stoßen. Endlich ein Bekannter. Aber damit gewinnt die Vollkommenheit der gesuchten Sprache eine neue Bedeutung. Dante ging es, vor allem in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung „De vulgari eloquentia“, gar nicht darum, eine für alle Menschen verständliche Sprache zu schaffen, sondern er wollte die italienische Volkssprache derart vervollkommnen, daß sie nicht nur mit dem Lateinischen konkurrieren, sondern auch große Literatur hervorbringen konnte. Den Erfolg seiner Bemühungen hat er mit der „Divina Commedia“ aufs eindrucksvollste demonstriert.

Die Vervollkommnung der eigenen Sprache war das Ziel ungezählter Reformer. Wäre Eco nicht Italiener, hätte er vielleicht Luther und seine Bibelübersetzung als Beispiel gewählt. Aber die vollkommene Sprache, wie sie sich die Philosophen und die internationalen Linguisten erträumten, schloß doch einen Anspruch auf universale Gültigkeit ein. Sie sollte allen Menschen verständlich sein, so wie sie es angeblich vor dem Turmbau zu Babel gewesen war oder auf eine andere, neu zu erdenkende Weise werden könnte.