Von Klaus Günzel

Starker August, steig hernieder / und regier uns Sachsen wieder! / Schenk uns wieder beßre Zeiten / und laß Walter Ulbricht reiten! Dieser vielzitierte Vers, oft hinaufgeseufzt zum vergoldeten Reitermonument Augusts des Starken am Neustädter Markt zu Dresden, zeigte hinlänglich, daß für viele Sachsen auch in den DDR-Jahren die Vergangenheit nicht vergessen, ja nicht einmal recht vergangen war. Nach dem Feuersturm des Februar 1945, der seine Haupt- und Residenzstadt in eine Trümmerwüste verwandelt hatte, lebte er weiter fort: August der Starke, eine emblematische Gestalt sächsischen Selbstverständnisses. Noch in der Geschichtsferne, die eine sozialistische Obrigkeit verfügte, sorgte der sprichwörtliche Dresdner Volkswitz für sein Nachleben.

Während Augusts Regierungszeit konstatierte der Freiherr Johann Michael von Loen, Goethes Großonkel, daß die Sachsen nicht fürs Militär taugen, „weil sie zu wollüstig und zu gemütlich sind“. Die „Wollust“ des Kurfürsten August galt als notorisch; das Decamerone seiner Amouren war in aller Munde und hat auch die Nachgeborenen zu beschäftigen nicht aufgehört. Er war ein Bonvivant von barocken Dimensionen, wenn es je einen gab, dazu ein Athlet, der in seiner besten Zeit zweieinhalb Zentner auf die Waage brachte. Er verbog ein Hufeisen mit bloßen Händen und wickelte massive Silberteller wie Servietten zusammen.

Daß er sich dabei martialisch gab und nach Feldherrnruhm strebte, nimmt nicht wunder, wenn auch diese kriegerischen Neigungen im Widerspruch zu Loens Diagnose vom unsoldatischen Wesen der Sachsen zu stehen scheinen. Dafür schlugen August dem Starken alle militärischen Unternehmungen fehl, was jenen unheroischen Befund wiederum bestätigt. Nur im Zweikampf, bei dem Mut und Kraft des einzelnen zählen, stand er immer seinen Mann. Eine gewisse Gemütlichkeit und Konzilianz waren ihm eigen, wie vielen seiner sächsischen Stammesgenossen, besonders dann, wenn er Fürstlichkeiten, Generale und Minister unter den Tisch trank, womit er, der Diabetiker, sein Leben allerdings verkürzte.

In diesem breit daherkommenden, posierenden und spektakulären Herrscher wohnte eine großzügige und schönheitsdurstige Seele, die es schon früh, und keineswegs nur im Hinblick auf weibliche Schönheit, zu wirklicher Kennerschaft brachte. Seit der Neunzehnjährige zum ersten Mal Venedig mit dem Canal Grande gesehen hatte, ließ ihn die schwebende Einheit nicht mehr los, die dort der Wasserlauf mit den angrenzenden Palästen schuf. Dieser Gedanke führte ihn im heimischen Dresden zu einer ebenso verblüffenden wie grandiosen städtebaulichen Lösung, der er die einzelnen Gebäude unterordnete – mit der Elbe als natürlicher Pracht- und Triumphstraße.

Wie diese Leitidee ihm, August, ganz persönlich angehörte und daß er in die Planungen der Architekten selber häufig eingriff, zeigen die Anmerkungen auf zahlreichen noch erhaltenen Skizzen: „Nach Seiner Majestät eigenem dessin inventiret“. Bei der Wahl der Baumeister und Steinmetzen, der Dekorateure und Goldschmiede hat er fast immer eine glückliche Hand bewiesen, die ohne hohe Sachkenntnis nicht zu erklären wäre, und auch die illustren Dresdner Kunstsammlungen sind durch ihn und später durch seinen Sohn zu Schatzkammern der Menschheit geworden.

Dabei war er auf sein Amt als Regent völlig unvorbereitet. 1670 zur Welt gekommen, wuchs der Prinz als Zweitgeborener am Dresdner Hof heran, von dem er die obligate Kavalierstour in europäische Länder und Residenzen antrat. Die Verbindung mit der ehrenfest-protestantischen Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth verurteilte den jungen Mann zu einer „Staatsehe“, wie er selber dergleichen Bündnisse nannte. Im Jahr darauf starb plötzlich der ältere Bruder, Johann Georg IV., der sich am pockennarbigen Leichnam seiner Geliebten infiziert hatte.

Am 27. April 1694, vor genau 300 Jahren, übernahm der bisher kaum in Erscheinung getretene Prinz als Kurfürst Friedrich August I. das Ruder des imposanten sächsischen Staatsschiffes. Daß er sich weder durch das neue Amt noch durch die „Staatsehe“ in seinem kräftig ausgebildeten Hang zu erotischen Abenteuern beirren ließ, bewies er, als er im gleichen Jahr, bei einem Kostümfest auf Schloß Moritzburg, intime Beziehungen zur Gräfin Aurora von Königsmarck einging, jener attraktiven Blondine, die nach einem Wort Voltaires die bemerkenswerteste Frau gleich zweier Jahrhunderte gewesen sein soll.

Den sächsischen Ständen, auch dem Adel, gegenüber wollte der neue Kurfürst Stärke demonstrieren, was nicht immer den von ihm erhofften Erfolg bewirkte. Es ging Friedrich August um die Begründung eines strengen, absolutistischen Regimes, wie er es am Frankreich Ludwigs XIV. bewunderte. Wenn er dabei oft auf halbem Wege einlenkte und die drohenden inneren Konflikte zuletzt nie auf die Spitze trieb, so zeigte dies, daß ihm die sächsische Kunst des Schließens von Kompromissen geläufig war. Wenigstens gelang ihm, erstmalig in einem deutschen Territorialstaat, die Einführung einer funktionierenden Oberrechenkammer, die das Steuerwesen wirkungsvoll koordinierte. Allzu aufsässige oder korrupte Beamte verschwanden in den Verliesen der unweit von Dresden gelegenen Festung Königstein, ohne Ansehen ihres Namens oder Standes.

Aber der neue Herr war auch ein Mensch des Barock, der gelegentlich Bühnendekorationen mit der Wirklichkeit verwechselte. Die Welt als ein Theatrum mundi, in dessen opulenter Szenerie er gleichzeitig als Star, Maschinenmeister und Regisseur von Gottes Gnaden agierte, war ein Gedanke, der ihn bestimmte – mehr als dem Regenten eines von vielen Seiten abhängigen mittleren Landes guttun mochte. Der Traum von der römisch-deutschen Kaiserkrone gehört dahin, dem der Kurfürst mindestens einmal ernsthaft nachhing, als er nach dem Tod Kaiser Josephs I. das Reichsvikariat innehatte. Und da diese ehrwürdigste Insigne christlicher Herrscher, allen Illusionen des Wettiners zum Trotz, den Habsburgern vorbehalten blieb, richtete sich sein Streben auf eine andere Krone, als sie vakant wurde:

Nach dem Tod des polnischen Königs Johann III. Sobieski beteiligte sich auch Friedrich August von Sachsen an dem nunmehr beginnenden Tauziehen um den Thron an der Weichsel. Er gewann ihn nur mit habsburgischer Unterstützung, sanftem militärischem Druck, enormen Bestechungsgeldern und seinem Übertritt zur katholischen Kirche. Als König August III. stand er jetzt an der Spitze der desolaten polnischen Adelsrepublik. Aber daß er, der schon den Zeitgenossen als der starke August galt, bei der Krönung in Krakau einen Ohnmachtsanfall erlitt, just in dem Augenblick, in dem er das katholische Glaubensbekenntnis unterschreiben sollte, war eine Episode, die sogleich skeptische Interpreten fand.

Der Fürst aus dem deutschen Land, das einst das Mutterland der Reformation gewesen war, nun heimgekehrt in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche! Die Nachricht rief zu Hause in Sachsen geräuschvolle Unruhe hervor, die der Kurfürst-König nur durch eine öffentliche Erklärung zu beschwichtigen vermochte. Es solle „bei der augsburgischen Konfession, hergebrachten Gewissensfreiheit, Kirche, Gottesdienst, Universitäten“ bleiben, auch werde niemand zum Glaubenswechsel gezwungen. Er und alle seine Nachfolger, bis 1918, haben das Versprechen getreulich gehalten: Es fand keine Gegenreformation in Sachsen statt. Freilich verlor das Land jetzt die Führung der evangelischen Reichsstände an Brandenburg-Preußen, dessen Wille zur Macht damit einen zusätzlichen, nicht zu unterschätzenden Impuls erhielt.

Dem Willen zur Macht und der Illusion, ein wettinisches Reich vom Erzgebirge bis zum Baltikum errichten zu können, drohte allerdings auch August der Starke zu erliegen, als er sich in den Nordischen Krieg verstricken ließ und im Februar 1700 in Livland einmarschierte. Er provozierte damit Karl XII., den jungen streitbaren König von Schweden, der in einem furiosen Siegeslauf Sachsen, Polen und die verbündeten Russen mehrmals aufs Haupt schlug.

In Kursachsen brachten schwedische Truppen die Greuel des Dreißigjährigen Krieges in Erinnerung, und August mußte im demütigenden Frieden von Altranstädt auf die polnische Königswürde verzichten. Erst der Sieg, den Peter der Große bei Poltawa über die Schweden erfocht, führte die Wende herbei und ebnete dem Sachsen die Rückkehr auf den Warschauer Thron. Sein internationales Ansehen litt unter dem unrühmlichen Zwischenspiel kaum. Die höfischen Feste, die er von nun an wieder an der Weichsel und an der Elbe gab, suggerierten eindrucksvoll das Bild einer intakten Herrschaft.

Die Hochzeit des Kur- und Kronprinzen mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha im Jahre 1719 war eine solche Lustbarkeit, die sich über einen ganzen Monat erstreckte und dann in einem dreibändigen Prachtwerk zu Nutz und Frommen der Nachwelt dokumentiert wurde. Es gab Bälle, Opernaufführungen, Wasseijagden auf der Elbe, eine türkische Maskerade im Türkischen Palais, die Einweihung des Zwingers mit einem Fest der vier Elemente, Seeschlachten auf den Gewässern bei Schloß Moritzburg, Feuerwerke, einen revueartigen Aufzug der sächsischen Bergknappen, ein Damenfest mit Ringstechen und – nach dem Beispiel der Leipziger Messe – ein Merkurfest mit improvisiertem Jahrmarkt, auf dem sächsische Aristokraten in den Trachten von Winzern, Fischern und Gärtnern einherschritten.

Über alledem schwang der Kurfürst-König als ingeniöser Festordner seinen Zauberstab. War es ein Wunder, daß er auch beim Regieren bisweilen in den Glauben verfiel, es mit der Inszenierung von Redouten zu tun zu haben? Das Volk hatte zu diesen pompösen Veranstaltungen nicht nur Zutritt, sondern mußte dabei mitwirken. Der Bürgermiliz oblag die Aufgabe, die vor den Toren der Residenz lauernden Bettler am Eindringen zu hindern, damit sie die prangenden Haupt- und Staatsaktionen nicht störten.

Bei solchen Festivitäten fehlte fast stets Augusts Gemahlin Christiane Eberhardine, die auch nicht zum Katholizismus konvertiert war und Polen nie betreten hat. Wenigstens machte sie sich mit der Geburt des Kurprinzen nützlich; ansonsten stieß sie hinter der vorgehaltenen Hand bittere Sottisen gegen den verhaßten Gatten aus. Den Reigen der Mätressen führte die bereits erwähnte Aurora von Königsmarck an, die ihrem gekrönten Freund den Sohn Moritz gebar, der später als Marschall von Frankreich von sich reden machte. In dem Freiherrn Karl Ludwig von Pöllnitz fand der wettinische Don Juan seinen Leporello, der mit dem immer wieder aufgelegten Buch „La Saxe Galante“ das glänzend geschriebene, allerdings mehr der Dichtung als der Wahrheit verpflichtete Register von Augusts Liebesaffären vorlegte.

Die Potenz des Herrschers soll über dreihundert „Bastarden“ zum Leben verholfen haben: eine phantastische Zahl, die entweder auf Hofklatsch oder auf der regsamen Phantasie des immer zum Staunen aufgelegten Volkes beruhen muß. Tatsächlich sind, einschließlich des Kurprinzen, nur neun Kinder namentlich bekannt, die der Vater einmal, anno 1728, zur gemeinschaftlichen Familienfeier um sich scharte. Übrigens litt er es nicht, wenn eine seiner schönen Gespielinnen politische Komplikationen heraufbeschwor, wie die Gräfin Cosel erfuhr, die einen Fluchtversuch nach Preußen und andere Eskapaden mit beinahe fünfzigjähriger Haft auf der Festung Stolpen bezahlen mußte.

Augusts königlicher Nachbar, Kontrahent und gelegentlicher Zechkumpan, Friedrich Wilhelm I. von Preußen, schätzte solches Allotria gar nicht. Als er zusammen mit dem sechzehnjährigen Kronprinzen Friedrich Dresden besuchte und der Kurfürst ihm ein nacktes Mädchen, hingebreitet auf einem Ruhebett, präsentierte, hielt der Soldatenkönig seinem Sohn schnell den Hut vor die Augen. „Sie ist recht schön“, murmelte der Preuße frostig, dem das Präsentieren von Gewehren wichtiger schien. Sachsen war viel reicher und wirtschaftlich entwickelter als Preußen, wo man sich erst noch großhungern mußte. Die Begehrlichkeit der Hohenzollern auf die Schätze Sachsens, wenn auch nicht auf sächsische Damen, war längst geweckt, zumal überdies die sächsisch-polnische Union dem preußischen Ausdehnungsdrang nach Osten einen Riegel vorschob.

August hat nicht geruht, die von ihm hellsichtig erkannte preußische Gefahr teils abzulenken, teils durch militärische Demonstrationen in die Schranken zu weisen. So im Manöverlager bei Zeithain an der Elbe, wo er dem Soldatenkönig unter klingendem Spiel die sächsische Armee vorführte. Dabei ging es wiederum nicht nur militärisch, sondern ebenso barock-kulinarisch zu: Dresdner Bäcker stellten dort aus 20 Zentnern Mehl, 326 Kannen Milch und 3600 Eiern einen Riesenstollen in einem eigens dafür erbauten Backofen her, aus dem der monströse Striezel mit Walzen und Ketten herausgezogen werden mußte.

Es hat, wie man weiß, den Sachsen auf die Dauer nicht viel genutzt. Die Begierde des Nachbarn auf das wohlhabende und vergleichsweise gut verwaltete Land war geweckt, und knapp hundert Jahre später, auf dem Wiener Kongreß, wäre es beinahe ganz von Preußen geschluckt worden. Schließlich haben preußisch-deutsche Historiker auch die Geschichte Augusts des Starken und seiner Nachfolger geschrieben, was einem späten Triumph von Asketen über Epikureer gleichkam, die sich den Böhmen, Österreichern und Bayern eigentlich näher verwandt fühlten als den schnarrenden Projektemachern jenseits der Nordgrenze.

August der Starke konnte es nicht verhindern, daß sich die Sachsen, schon bald nach seinem Tod, auf der Seite der historischen Verlierer sahen – ein Schicksal, das ihnen über die Zeiten hinweg lange treu geblieben ist. Aber in diesem Athleten, Bonvivant und Mäzen muß ein Bewußtsein davon rege gewesen sein, daß die roh und unbedenklich herbeigeführten Erfolge des Augenblicks kaum das letzte Wort in der Geschichte haben.

So verschaffte er der Residenzstadt Dresden den Ehrennamen eines „Elbflorenz“ – mit dem Zwinger, dem Taschenbergpalais, dem Lustschloß Pillnitz, dem Umbau vom Jagdschloß Moritzburg, den anderen Palästen und der neuen Augustusbrücke. Auch die Kirchenbauten zählen dazu, allen voran das Kuppelwunder der protestantischen Frauenkirche von George Bähr; und noch die Katholische Hofkirche, mit deren Bau der Italiener Chiaveri 1738, fünf Jahre nach dem Tod des Kurfürsten, begann, erinnert an das Augusteische Dresden.

Es ist ein heiteres Barock, ganz ohne gegenreformatorische Attitüde, das hier ein katholischer Monarch in der Hauptstadt seines evangelischen Landes etablierte. Die Kunstsammlungen, die unter August und seinem Sohn zu europäischem Rang gelangten, gehören ebenfalls dazu: die Gemäldegalerie und das Grüne Gewölbe, jene Kollektion von Goldschmiedekreationen und wundersamen Kleinodien, die von den Wettinern zusammengetragen wurden. Frauenkirche und Schloß nebst Grünem Gewölbe, bis vor kurzem trostlose Ruinen des Zweiten Weltkrieges, werden jetzt, im neu erstandenen Freistaat Sachsen, wieder aufgebaut.

Es war ein glanzvolles Ensemble schöpferischer, jedoch auch gegensätzlicher Persönlichkeiten, die sich unter der großzügigen Ägide Augusts des Starken vereinten und sein sächsisches Welttheater bevölkerten. Matthäus Daniel Pöppelmann aus Herford baute ihm den Zwinger, den der Bayer Balthasar Permoser mit bezaubernden Statuen versah. Der Alchimist Johann Friedrich Böttger konnte zwar kein Gold schaffen, aber er erfand das Porzellan: Die Meißner Manufaktur wurde für den Kurfürsten schnell zu einer Einnahmequelle, die man dem sächsischen Silberbergbau vergleichen konnte. Böttger zur Seite stand der Polyhistor Ehrenfried Walther Graf von Tschirnhaus, die Leuchte der sächsischen Naturwissenschaften.

Die Musik, die spätestens seit Heinrich Schütz in dem wettinischen Land eine Heimstatt besaß, hielt hier „verschwenderische Ernte“, wie noch Ricarda Huch zu rühmen wußte. 1723, zehn Jahre vor Augusts Tod, kam Johann Sebastian Bach nach Leipzig; seine Berufung an den Dresdner Hof hat er zeitweise angestrebt. Die Tonkunst wurde vom Hof über die Städte bis hinein in die Dörfer geradezu enthusiastisch betrieben, wofür der Orgelbauer Gottfried Silbermann und seine Zunftgenossen klingende Denkmale hinterlassen haben.

Um den Kurfürsten breitete sich diese barocke Bühne mit ihrem wimmelnden Personal und festlichen Ambiente aus, dessen Kolorit durch polnische, böhmische, süddeutsch-österreichische und italienische Einwirkungen weiter gesteigert wurde. Und da ein Welttheater, besonders ein sächsisches, nicht ohne lustige Person zu denken ist, gehört auch der Hofnarr Fröhlich dazu, der mit August auf gutem Fuße stand und von dem Bildhauer Johann Christian Kirchner mit einer Meißner Porzellanbüste verewigt worden ist.

Augusts Traum vom absoluten Gott-König auf Erden besaß immer einen spielerisch-theatralischen Zug, den am besten ein Goldschmied begriffen und in ein Kunstwerk umgesetzt hat. Der aus Schwaben stammende Johann Melchior Dinglinger schuf mit dem „Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ ein zugleich heiteres, feierliches und visionäres Figurentheater. Die von Gold, Silber und Diamanten funkelnde Phantasmagorie ist noch immer das Glanzstück des Grünen Gewölbes.

Wie der Sultan an der Spitze einer solchen von Goldschmiedehand hervorgebrachten Apotheose hätte Friedrich August wohl sein wollen. Aber politische Enttäuschungen, der Tod von Vertrauten und eigene Krankheit erinnerten ihn daran, daß auch er vergänglich war. Die Amputation einer Zehe am linken Fuß und das Fortschreiten des Zuckerleidens ertrug er mit Würde, ohne dem körperlichen Verfall durch Mäßigkeit beim Essen und Trinken steuern zu wollen.

Der Kurfürst-König nahm noch, Anfang 1733, an der Leipziger Neujahrsmesse teil und stürzte sich anschließend am Dresdner Hof ins Treiben der Karnevalsmasken. Am 10. Januar trat der 63jährige seine letzte Fahrt nach Polen an. Unterwegs traf er mit dem Emissär des Königs von Preußen, dem General Grumbkow, zusammen. Das gemeinsame Zechgelage, bei dem man sich gegenseitig auszuhorchen suchte, ließ das bevorstehende Ende nicht vermuten. Erst in Warschau brach August zusammen und starb, nachdem er zum zweiten Male gebeichtet hatte, am 1. Februar 1733, um vier Uhr morgens. Seine sterbliche Hülle fand auf dem Wawel zu Krakau die letzte Ruhestätte, aber sein Herz wurde, eingefaßt in eine silberne Kapsel, nach der Stadt gebracht, für die es am meisten geschlagen hatte: nach Dresden, wo es sich in der Wettingruft der Hofkirche noch immer befindet.

Als August der Starke zum römischen Glauben übertrat, gab es Abneigung und Rumor unter den evangelischen Sachsen. Aber dann sind sie doch halbwegs miteinander ausgekommen, das katholische Herrscherhaus und die protestantische Bevölkerung, was ohne die von Friedrich August mehrmals beschworene und von seinen Nachfolgern respektierte Glaubensfreiheit auf die Dauer nicht möglich gewesen wäre.

Wie Hofkirche und Frauenkirche zu Wahrzeichen des Augusteischen Dresden geworden sind, weist ihre örtliche und geschichtliche Nähe auch auf die Toleranz hin, die einmal eine sächsische Tugend genannt worden ist. War es ein Zufall, daß schon bald ein großer sächsischer Schriftsteller dem Gedanken der Toleranz seine Feder leihen sollte? Er gehörte einem neuen Zeitalter an und lebte, als August der Starke starb, gerade vierjährig in dem unweit von Dresden gelegenen Städtchen Kamenz. Gotthold Ephraim Lessing war der Name des Knaben...