Von Peter Schöttler

Der Rhein ist ein ganz besonderer Fluß. Im Altertum wurde er als Gott verehrt, im 19. und 20. Jahrhundert zum „heiligen Strom“ der Deutschen verklärt. Die „Wacht am Rhein“ wurde zur Hymne des deutschen Nationalismus, der „Kampf um den Rhein“ zum Inbegriff deutsch-französischer Erbfeindschaft. Heute macht der Rhein keine politischen Schlagzeilen mehr, sondern ökologische, die auf ihre Weise politisch sind: Chemieunfälle und Überschwemmungen erinnern an den leichtfertigen Umgang der Menschen mit ihren natürlichen Ressourcen. Bald zweihundert Jahre schon versuchen sie, den Rhein zu begradigen oder gar zu kanalisieren. Doch nichts bleibt ohne Rückwirkungen: „Seit die Ingenieure den ‚ Rhein korrigieren, korrigiert der Rhein die Ingenieure“, schreibt sarkastisch Horst Johannes Tümmers.

Mythos Rhein: Zu diesem Thema hat es in den letzten Jahren eine Reihe von Ausstellungen gegeben, den ganzen Fluß entlang. Im Mittelpunkt standen die jeweiligen Städte sowie die Darstellungen des Rheins in der Kunst – von Wenzel Hollar bis Josef Beuys die Rhein-Romantik und die Rhein-Touristik, aber auch die Politik am Rhein. Die wohl ambitionierteste Schau, 1988 zur 700-Jahr-Feier Düsseldorfs geplant, scheiterte kurz vor der Realisierung an politischen Widersprüchen, hinterließ aber immerhin ein gutes Buch („Der Rhein. Mythos und Realität eines europäischen Stromes“, Rheinland-Verlag).

Nun hat Horst Johannes Tümmers, Kölner Kunsthistoriker und pensionierter Bibliotheksdirektor, sich daran gemacht, den Rhein einmal anders zu betrachten. Mit Rucksack und Diktiergerät ist er Stück für Stück, von den Quellen bis zum Delta, den Fluß entlanggelaufen. Das vorliegende Buch enthält seine gesammelten Beobachtungen, ergänzt um Lektüren und Reflexionen: ein sorgfältiger, schonungsloser und sympathischer Bericht über den gegenwärtigen ökologischen Zustand des Rheins. Mehr noch: ein zugleich schönes und trauriges Erlebnisbuch, das man jedem Rhein-Liebhaber und vor allem jedem rheinischen Politiker zur Lektüre empfehlen möchte. Das Bild, das hier gezeichnet wird, ist weder idyllisch noch romantisch: Zwar geht es dem Rhein seit einigen Jahren ein wenig besser, aber er ist immer noch eine Kloake. Schweizerische, deutsche und französische Chemieabfälle und -Unfälle bedrohen weiterhin sein Gleichgewicht. Seine Ufer sind über weite Strecken von Industrieanlagen entstellt oder zerstört. Verkehrs- und Städteplaner haben jahrzehntelang nur die Interessen der Industrie oder des Massentourismus im Auge gehabt, und ausgerechnet am „romantischen“ Mittelrhein geht es heute am lautesten zu. Weiter nördlich ist der Strom nur noch eine breite, kanalisierte Schifffahrts-Trasse, wo Tag und Nacht die Waren per Schubboot im Sechserpack zwischen Duisburg und Rotterdam hin- und herbugsiert werden. Die Kluft zwischen überlieferter Bilderwelt und ernüchternder Wirklichkeit könnte nicht größer sein.

Mißverständlich ist allerdings der – vermutlich vom Verlag gewählte – Untertitel des Buches. Denn das Stichwort „Geschichte“ läßt natürlich auch eine historische Analyse der rheinischen Landschaften und des durch den Rhein geprägten Raums erwarten. Tatsächlich beschränkt sich aber der Autor fast ausschließlich auf den Fluß und seine geomorphologische Entwicklung. Die Geschichte der Menschen dagegen – von den ersten Siedlungen bis zur „Pfaffengasse“ des Mittelalters und den permanenten Grenzverschiebungen der letzten Jahrhunderte – hat ihn weniger interessiert. Hier beschränkt er sich auf einige Parforce-Ritte durch die Politikgeschichte, gestützt auf ältere, konventionelle Darstellungen.

Dabei hat gerade auf diesem Gebiet in der Geschichtswissenschaft seit Jahren ein radikales Umdenken stattgefunden. So wird die deutsch-französische Verfeindung heute nicht mehr bloß als Hin und Her von Schlachten und Friedensverträgen betrachtet, sondern als langfristiger „mentaler“ Entfremdungsprozeß, bei dem enorme regionale Unterschiede zu berücksichtigen sind. Seine Wurzeln liegen nur teilweise in der „großen Politik“; sie sind ebenso in soziokulturellen Grenzbildungen zu suchen, für die es gerade in den Rheinlanden klassische Beispiele gibt. Als Pionierstudie in dieser Richtung kann ein französisches Buch über den Rhein gelten, das der Gründer der berühmten Zeitschrift Annales, Lucien Febvre, 1935 veröffentlichte. (Es soll im Herbst im Campus Verlag auf Deutsch erscheinen.) Tümmers hätte daraus viele Anregungen entnehmen können, zumal schon Febvre – aus sozialgeschichtlicher Perspektive – den „europäischen“ Charakter des Rheins betonte, was damals von den deutschen Fachkollegen natürlich „auf das schärfste“ verurteilt wurde (so etwa der NS-Geograph Friedrich Metz).

Tümmers’ Rhein-Buch ist nicht bloß schön zu lesen, sondern kommt auch bescheiden daher. Gleich im Vorwort heißt es: „Dies Buch ist keine Wissenschaft, aber es ist gewissenhaft.“ Dem ist nicht zu widersprechen: ein geographisches Erlebnisbuch, wie man es sich wünscht.