Von Ulrich Greiner

Nun gibt es also, nach dem fast schon vergessenen deutschen Literaturstreit, einen deutschen Bilderstreit. Daß er die Nation erschüttere, kann man nicht behaupten. Immerhin die Berliner Nationalgalerie mitsamt den angrenzenden Provinzen im Abgeordnetenhaus und im Kunstbetrieb. Der Galeriechef Dieter Honisch hatte den ästhetisch wie politisch legitimen Entschluß gefaßt, die Bilder deutscher Kunst neu zu ordnen und durch ausgewählte Werke von Malern der DDR zu ergänzen. Der Streit ging über mehrere Runden und gipfelte einstweilen in einer Verteidigung Hönischs durch Eduard Beaucamp (FAZ) und einer Attacke von Hans Joachim Müller in der ZEIT (Nr. 21/94).

Die Streitfrage lautet: Sind die ausgestellten Bilder (etwa die von den Leipziger Malern Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke) lediglich das ideologische Produkt der DDR-Staatskunst, also der ästhetisch unerhebliche, malerisch rückständige Ausfluß einer glücklicherweise zu Ende gegangenen Epoche? Das sagt Müller. Oder sind es künstlerisch eigenständige, politisch ambivalente Zeugnisse eines mühsamen Ringens um Kunstfreiheit und Verantwortung, als dessen Resultat Werke entstanden sind, die an eine große Tradition anknüpfen und den erschöpften westlichen Kunstbetrieb beleben könnten? Das sagt Beaucamp.

Stellen wir die Antwort einen Augenblick zurück, um zu sehen, worum es zunächst geht. Nämlich darum, daß Bilder öffentlich gezeigt werden dürfen. Dagegen hat auch Müller nichts. Verständlicherweise scheut er sich, an die Seite jener konservativen CDU-Abgeordneten zu geraten, die während einer Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus kaum verhüllt mit Zensur drohten. Müller hat etwas dagegen, daß die Bilder ausgerechnet in der Nationalgalerie hängen, an der Seite etablierter und renommierter westdeutscher, westeuropäischer und amerikanischer Künstler. Darin erblickt er die Nobilitierung, die kunstpolitische Anerkennung jener „Malerdiplomaten, die der DDR-Kulturpolitik einmal Reputation und Devisen brachten“. Deshalb sollen die Bilder weg.

Aber wohin? Ins Magazin? Selbst die Unterwerfungsprosa einer Anna Seghers, der literarische Eiertanz eines Hermann Kant oder der Gesinnungskitsch eines Johannes R. Becher haben das selbstverständliche Grundrecht, vorhanden sein und gelesen werden zu dürfen, und wer verlangte, sie sollten aus Seminarbibliotheken oder Schulbüchereien entfernt werden, dem müßte man eins auf die Finger geben. Maler haben es schwerer. Jedes Bild gibt es nur einmal. Und wenn es denn in irgendeiner Weise herausragend ist, muß es öffentlich betrachtet werden können. Erst dann kann man es auch kritisieren. Welcher Ort aber wäre richtiger dafür als die Nationalgalerie? Merkwürdige Vorstellung: Die Ausstellung eines Bildes dort bedeute seine Aufnahme in den Olymp des ewig Gültigen. Hönischs Nachfolger wird wieder andere Bilder aufhängen.

Jetzt aber muß man die „Großmaler“ (Müller) zeigen. Daß ihre politische Rolle in der DDR und für die DDR frag- oder kritikwürdig war, liegt auf der Hand. Wobei man doch ein bißchen unterscheiden sollte, etwa zwischen dem Künstlerverbandspräsidenten und ZK-Mitglied der DDR Sitte, der lange Zeit linientreu am sozialistischen Menschenbild arbeitete, und dem hochmütigen Tübke, der den Malerfürsten machte, Privilegien einstrich und ansonsten nach seiner Fasson malte. Wieder anders schließlich Mattheuer, der nie eine öffentliche Funktion ausübte und der in seinem lesenswerten Tagebuch „Äußerungen“ (Reclam, Leipzig 1990) penibel Rechenschaft ablegt über seine Illusionen, Verstrickungen und seine wachsende Entfremdung, die zum demonstrativen Parteiaustritt 1988 führte – ein Jahr vor dem Ende, während Tübke nach dem 9. November seine Nationalpreise zurückgab, gegen Quittung.

Solche Unterschiede sind erwähnenswert, und wer, wie Müller, unisono die „Leipziger Quadriga“ des politischen Kriechertums verdächtigt, zeigt nur, daß ihm der ganze Kram nicht paßt. Er muß einem ja auch nicht passen. Fatal oder tragisch oder komisch, je nach Fall, war es schon, wie da Intellektuelle und Künstler, in illusionärem Glauben, für die große Sache gebraucht zu werden, vor lauter Selbstüberschätzung blind wurden für das Spiel, das mit ihnen gespielt wurde.