Frühjahr 1844. Wieder einmal schleicht Hunger durch deutsche Weberdörfer. Von großer Not in mittelfränkischen Ortschaften, im Vogtland und Erzgebirge, in der Eifel, im Siegerland und vielen anderen Gebieten berichten die Zeitungen. „Halbverhungerte, spärlich in Lumpen gehüllte Männer, Weiber und Kinder“ betteln „um Almosen“, heißt es im Frankfurter Journal.

Im preußischen Schlesien ist die Not besonders groß. Das Textilgewerbe im Königreich produzierte mehr Web- und Spinnwaren als alle anderen deutschen Länder. Hier stehen fast fünfzig Prozent aller Webstühle, auf denen Leinen, Baum- oder Halbbaumwolle verarbeitet werden. Aus England kommen mehr und mehr billigere, auf modernen Maschinen hergestellte Waren. In Deutschland ist die historisch überholte Heimindustrie noch weit verbreitet. Außerdem hemmen preußische Gesetze im Interesse der Großgrundbesitzer den industriellen Fortschritt. So sinkt der Preis für die Webe beständig, und Verdienstrückgang läßt sich, selbst wenn der Arbeitstag bis nach Mitternacht ausgedehnt wird, nicht mehr wettmachen. Abgaben feudalen Ursprungs, Grundzins, Handdiensttage und andere Belastungen erhöhen den Druck.

Der revolutionäre Publizist Wilhelm Wolff berichtet von einem Weber, der ein fertig gewordenes Stück zum Fabrikanten trägt: „Zu Hause warteten Frau und Kinder... sie hatten seit 11/2 Tagen bloß eine Kartoffelsuppe genossen. Der Weber erschrak bei dem auf seine Ware gemachten Gebot; da war kein Erbarmen ... Er nahm, was man ihm reichte, und kehrte, Verzweiflung in der Brust, zu den Seinigen zurück.“

In grellen Farben schildern schlesische Zeitungen das Elend unter der Weberbevölkerung. So wird in Deutschland bekannt, daß in den Gebirgsregionen in einem Umkreis von 15 Meilen mehr als 50 000 Familien dem Hungertode ausgeliefert seien. Sofort werden in Preußen und weit darüber hinaus Hilfsorganisationen gegründet. Namhafte Schriftsteller und Dichter leihen ihnen ihre Stimme. In Berlin beklagt Bettina von Arnim das Elend, das eines zivilisierten Staates unwürdig sei, und Ferdinand Freiligrath schreibt ein erschütterndes Gedicht.

Es handelt von einem Weberjungen, der mit der Webe, die der Vater nicht verkaufen konnte, ins Gebirge steigt; Rübezahl soll helfen: „Ich seh’ ihm dreist entgegen! / Er ist nicht bös! Auf diesen Block / Will ich mein Leinwandpäckchen legen – / ... Kein beßres wird gewebt im Tal – / Er läßt sich immer noch nicht sehen! / Drum frischen Mutes noch einmal: Rübezahl!“ / ... So rief der dreizehnjährge Knabe;/ So stand und rief er, matt und bleich. / Umsonst!

Die Krise hemmt generell die wirtschaftliche Entwicklung im Lande. Aber es gibt auch Fabrikanten und Verleger, die diese Situation schamlos ausnützen, um ihren Gewinn zu steigern. Ein besonders krasses Beispiel dafür bietet das Handelshaus Zwanziger in Peterswaldau im Eulengebirge, das Tausende von Spinnern, Spulern und Webern beschäftigt. Hier wird im ganzen Umkreis der niedrigste Lohn gezahlt. Der Verleger Wagenknecht am selben Ort gibt noch immer 32 Silbergroschen für eine Webe Kattun von 140 Ellen, an der ein Weber neun Tage arbeiten muß. Schon das ist wenig. Aber Zwanziger zahlt nicht einmal die Hälfte dieses Betrags.

Im Dorf wird erzählt, Zwanziger wolle noch 300 Weber mehr beschäftigen, wenn die eine Webe für 10 Groschen fertigten. Auf die Frage, wovon der Weber dann noch Brot kaufen soll, da dieser Lohn nicht einmal für Futterkartoffeln reiche, habe der Juniorchef geantwortet, die Weber würden noch für eine Quarkschnitte arbeiten müssen. Sein Gehilfe, heißt es, fügte unter dem Hohngelächter der Diener sogar hinzu: „Freßt doch Gras, das ist heuer reichlich und gut gewachsen!“