Die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl: Visionäre der ersten Stunde
Von Christoph Bertram
Ausgerechnet in Zeiten wachsenden Europa Verdrusses kommt ein Wälzer auf den Markt, der mit Sachverstand, Nüchternheit und Detailversessenheit die Geschichte des ersten und ehrgeizigsten Integrationsexperiments im Europa der Nachkriegszeit erzählt - der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und insbesondere ihrer noch heute fremdländischanmaßend klingenden zentralen Institution, der „Hohen Behörde". Zu dieser für die Autoren harten, für den Fachmann befriedigenden und für den Europa Engagierten lehrreichen Aufgabe haben sich zwei sehr unterschiedliche Verfasser zusammengetan: Dirk Spierenburg, der den Vertrag einst als Vertreter der Niederlande aushandelte und dann zehn Jahre lang als Mitglied der Hohen Behörde ihr strategischer Kopf war, und Raymond Poidevin, ein in Fragen der europäischen Integration beschlagener und ausgewiesener Zeithistoriker an der Universität Straßburg.
Die EGKS lebte ganze fünfzehn Jahre. Als sie 1950 durch Robert Schuman und Jean Monnet konzipiert wurde, war sie ein kühner, visionärer Wurf. Kohle und Stahl, die Symbole nationaler und nationalistischer Macht, sollten zum Vehikel politischer Einheit werden.
Als die Hohe Behörde am 10. August 1952 ihre Arbeit unter dem Vorsitz von Jean Monnet aufnahm, waren alle, die mit ihm in die verschlafene luxemburgische Hauptstadt gezogen waren, von der Überzeugung beseelt, an der Schwelle einer neuen Epoche zu stehen. Am 1. Juli 1967 dann gab die Hohe Behörde ihren Geist auf; die Kohleund Stahl Gemeinschaft wurde in die EG aufgesogen - nicht mehr als eine Etappe auf dem langen, immer noch unvollendeten und heute noch holpriger erscheinenden Weg zur europäischen Gemeinsamkeit.
Wie bescheiden das alles anfing, damals in Luxemburg! Die wenigen, allzu wenigen Photos des Buches zeugen von der Intimität der frühen Jahre. Da sitzen die neun Mitglieder der Hohen Behörde gemeinsam an einem schlichten, rechteckigen Tisch. Da ist noch nichts zu spüren von der Repräsentationssucht und dem Bürokratenpomp der späten Brüsseler Zentrale. Das Vorhaben selbst dagegen war alles andere als bescheiden. Mit der Übertragung der Kohle und Stahl Politik auf eine Hohe Behörde sollte die Grundlage für eine europäische Föderation gelegt werden - so hatten es Robert Schuman, der dem Plan seinen Namen, und Jean Monnet, der ihm seine Handschrift gab, gewollt.
Da kam alles zusammen: Kohle und Stahl, auf denen die Werkzeuge des Krieges wie der Wohlstand im Frieden beruhten; Deutschland und Frankreich, die einstigen Erbfeinde, die nun zu den Pfeilern des neuen europäischen Daches werden sollten; schließlich die Überzeugung, daß das eigentliche Ziel nicht wirtschaftlich, sondern politisch sein mußte. Dies sind bis heute die Grundüberzeugungen engagierter Europäer geblieben. Zunächst schienen die Verheißungen wahr zu werden. Kaum hatte die kleine Schar um Monnet ihre Arbeit aufgenommen, stand die Europäische Lokomotive schon ungeduldig unter Dampf: Eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft wurde formuliert, eine Politische Union skizziert. Und auch als beide wegen Überforderung der Zeitgenossen scheiterten, reichte der Schwung 1957 noch immer für die Gründung der EG. Entmutigen ließen sich die Europäer durch Rückschläge damals noch nicht. Die „Sachzwänge" wurden zu Verbündeten ihrer politischen Vision. In der Tat, in den ersten Jahren der Kohle und Stahl Gemeinschaft schien der Erfolg ihnen recht zu geben: Westeuropa durchlief eine Phase ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwungs, Kohle und Stahl boomten, Europa das war Wohlstand und Zukunft zugleich. Aber dann kam die Krise. Und wie so oft, wenn die Sache mit der Supranationalität prekär wird, flüchteten die Europäer sich, wie weiland Oskar Matzerath unter die Röcke seiner Großmutter, unter die Glocke des Nationalstaates. Als billige Importe von Stahl und Kohle auf den gemeinsamen Markt strömten, als nicht mehr der Wohlstand, sondern der Mangel zu verwalten war, nicht die Arbeitsplätze, sondern die Arbeitslosen, da verging der Europa Mut. Die Hohe Behörde war nicht mehr Anführer, sondern Troß; sie wurde zur Bewilligungsanstalt für gemeinsame Abwehrmaßnahmen nach außen und nationale Alleingänge im Innern. In den Verhandlungen über den Schumanplan hatten die Staaten Monnet noch mühsam ein Mitspracherecht abtrotzen können. In ihren letzten Jahren wurde die Hohe Behörde - Ironie oder Zwangsläufigkeit des Schicksals - weitgehend zu einem Handlanger der Regierungen degradiert.
Weniger Wegbereiter denn warnendes Beispiel also? Ralf Dahrendorf, selbst einst EG Kommissar, hat im Spiegel die EGKS und Monnets Konzept als „Europa durch die Hintertür" abgetan, als technokratischen und deswegen von vornherein fehlerhaften Ansatz. Es ist keine vereinzelte Meinung.
Sie ist dennoch eher verführerisch als überzeugend. Denn zum einen kann niemand leugnen, daß nicht nur die wirtschaftliche Verflechtung, sondern auch die politische Koordinierung in der Europäischen Union bereits lange, bevor die ehrgeizigeren Ziele von Maastricht auch nur in greifbarere Nähe gerückt wären, eine Intensität erreicht hat, mit der kein Dahrendorf vor vierzig Jahren gerechnet hätte. Zum anderen: Beweist nicht gerade die Wankelmütigkeit der nationalen Parlamente und öffentlichen Meinungen in Europa die Weisheit des „technokratischen Ansatzes", der die Sachzwänge auf Europas Mühlen leitete? Ohne Monnets Kerngedanken der „Supranationalität", einer Autorität also, die vor den Stimmungswechseln der öffentlichen Meinung, vor der Beliebigkeit nationaler Wahlkämpfer und opportunistischer Regierungen wenigstens ein bißchen abgeschirmt ist, wäre das europäische Gefährt vor lauter Stottern längst zum Stillstand gekommen. Der übernationale Rahmen dagegen hat auch den nationalen Instanzen, Bürokratie, Politik wie Wirtschaft, das Geländer geboten, an dem sie sich zu mehr Gemeinsamkeit voranhangeln, notfalls aber auch nur festhalten können.




