Wo kommen eigentlich die Gartenzwerge her? Über ihre mythologischen Vorfahren sind wir einigermaßen zuverlässig unterrichtet, aber die Gestalten in grüner Jacke und roter Zipfelmütze, mit Schubkarren und Laterne, Gießkanne, Angel, Ziehharmonika und Pfeife müssen ja auch einmal aus einem Gartenbeet gekrochen sein. Aber wo war das?

Gegen den Zwerg an sich - eine poetische, fast liebenswürdige Figur, wenn man sie nicht ärgert oder ihrer spottet - ist nichts einzuwenden. Gegen seine leibhaftige Dar- und Aufstellung formiert sich bisweilen offener Widerstand. Während sich der Zwerg im Märchen als Schneewittchenverehrer und Kölner Heinzelmännchen sympathisch macht, kennt ihn das wirkliche Leben als Spaltpilz in Haus- und Gartengemeinschaften. Hier die Fraktion der Kitschiers (eigentlich sollte man meinen, ihr Bedarf sei inzwischen gedeckt), dort die Front der Geschmackssiegelverwalter, die ihn einfach unterirdisch findet.

Genau dort ist der Zwerg in der Mythologie auch ansässig: als Verwalter des Nibelungenhortes, mit Zauberkraft und Tarnkappe gesegnet; Einige Forscher, wie der Direktor des Deutschen Gartenzwergmuseums in Rot am See, wollen wissen, daß der Wichte! seinen Ursprung auf Kreta hatte, wo er als kleinwüchsiger "Bergmann schürfte, ehe er sich auf der Suche nach anderer Leute Bodenschätzen einschiffte und in Gruppen ä sieben durch Mitteleuropa ambulierte. Seine rote Mütze habe ihm unter Tage als Warnblinker gedient.

Andere Quellen sprechen vom Priap, einer hölzernen Wächterfigur mit blutrot bemaltem Phallus, der in der Frühzeit des Hellenismus Diebe von Weinbergen und Obstgärten abzuschrecken hatte. Bei den Römern sei der Priap dann zum erstenmal als Kapuzenmann aufgetaucht, dem der Phallus auch als Öllämpchen diente Über die Fortpflanzungsgewohnheiten der good people herrschte lange Unklarheit, bis ein holländischer Forscher aufdeckte, daß Heinzelmännchen erst mählich zum Geschlechtsakt rüsten, wenn unsereins sich schon anschickt, in die Grube zu fahren. So weit die Legende. Nun zur Praxis. Wo sind die Gartenzwerge ausgeschlüpft?

Sie kommen aus Gräfenroda in Thüringen. Vor 120 Jahren begann man dort, anknüpfend an barocke Gartenornamente, den Zwerg zu fabrizieren. Nur der übergroße Kopf und sein böses Lächeln deuteten noch auf seine Vergangenheit als unterirdisches, ungeheuerliches Subjekt; deutsche Innigkeit stattete ihn mit Gärtnerschürze und Weinpokal aus, brachte ihn in Gesellschaft mit Rehen, Fliegenpilzen, lebensgroßen Füchsen und überlebensgroßen Katzen, die ganze Orchester dirigierten. Fünfzehn Terrakottawerke und drei Porzellanfabriken widmeten sich damals der Gartenzier.

Nach dem Krieg gab es zunächst Wichtigeres zu töpfern, aber auf die Dauer erwies sich der Gartenzwerg als unverzichtbar, und die DDRMachthaber sahen es nicht ungern, daß der Kerl mit der Schlafmütze - in diesem Fall als Prototyp des konterrevolutionären Muckers - im Westen ein Exportschlager wurde.

Heute konkurrieren noch zwei Unternehmen um den Gartenzwerg. Beide bedienen sich nach wie vor der Gießformen aus dem 19. Jahrhundert und vergleichbar biederer Werbung: "Jeder Gartenfreund verschönert damit sein Besitztum, sich und anderen zur Freude und Nachahmung " Hinzu sind neuere Varianten getreten, die Körperbau und Physiögnbime dem Schlümpf und dem Mainzelmännchen schulden, sowie Modelle mit Politikergesichtern und Sittenstrolche in Klappmänteln, die eher auf den Priap hindeuten. Man ist da in Gräfenroda erstaunlich heidnisch. Das Thüringer Kernland, die Heimat des wahren deutschen, des voll bekleideten, treu die Augen verdrehenden Zwerges, ist eine ganz verwunschene Gegend. Im Frühling blühen Weißdorn und Birne im Tal der wilden Gera, nasse Gräben sind mit Sumpfdotterblumen gelb getupft, und aus den Bahnsteigen roter Backsteinstationen brechen Löwenzahn und junge Birken. So wird es nicht bleiben. Nach der Wende flog hier nicht nur dem Zwerg die Mütze vom Kopf. Noch keine fünf Minuten in Gräfenroda, macht mich Herr Eschrich vom Fremdenverkehrsamt mit der Lage bekannt: "Tausend vernichtete Arbeitsplätze Und das bei 4200 Einwohnern. Doch: "Wir haben eine Zukunft Der Landflucht soll Einhalt geboten werden. Zwischen Neudietendorf, Arnstadt, Flaue und Gräfenroda sind die Pfähle für die Industriegebiete schon eingeschlagen. Der IGE ist unterwegs und auch die Autobahn. Auf "den Westen" im besonderen ist man hingegen nicht immer gut zu sprechen.