Der brandenburgische Flecken Dolgenbrodt verliert sich in malerischer Abgeschiedenheit auf der Spitze einer von zwei Seen umarmten Halbinsel im Kiefernwald. Unter der Junisonne spazieren Hühner gemächlich über die frischgemähte Dorfaue, und aus den blühenden Gärten am Ufer der Dahrne zieht der Duft der Holzkohlengrills hinüber zu den Anglerbooten. Hier ist die "wendische Spree" so schmal, daß man dem Bekannten aus dem Nachbardorf gegenüber bequem aus der Hängeschaukel mit dem Bier zuprosten kann.

Journalisten werden in Dolgenbrodt nicht so freundlich begrüßt "Hier ist schon wieder eine!" ruft eine Dorfbewohnerin erbost über den Gartenzaun zur Nachbarin "Was wollen Sie bloß von uns? Wir sind doch ein ganz normales Dorf - ick habe Ihnen gar nischt zu sagen Zornig rupft sie das Unkraut aus ihrem gepflegten kleinen Vorgarten.

Andere reagieren nicht minder abwehrend. Jeden Satz habe man ihnen im Mund verdreht, klagen sie, man werde seines Lebens nicht mehr froh, das doch seit der Wende schwer genug sei. Und alles nur, weil ein Asylbewerberheim abgebrannt ist! "Das war doch, bevor die Afrikaner kommen sollten. So ist wenigstens kein Mensch zu Schaden gekommen", heißt es. Die Dolgenbrodter verstehen die Welt nicht mehr, und sie haben auch keine Lust, es zu versuchen.

Wer ist schuld am zerstörten Dorffrieden? Angefangen hat alles, jedenfalls aus Sicht der Bewohner, mit dem Erscheinen des Vizelandrats Munkow aus der nahen Kreisstadt Königs Wusterhausen, südöstlich von Berlin. Ende September 1992 hatte er den überraschten Dolgenbrodtern eröffnet, daß man binnen kurzem im leerstehenden Kinderferienheim "Heinrich Rau" am Seerand 86 Asylbewerber unterzubringen gedenke. Dem Vizelandrat folgten die Handwerker, die die Fenster des Heims vergitterten und Nato Stacheldraht um die Zäune spannten "Es sah aus wie ein KZ", sagt die damalige Bürgermeisterin Ute Preißler. Im Dorf, das sich bei der Treuhandanstalt um eine Umwandlung des Heims in einen "gehobenen Hotelbetrieb" bemüht hatte, erhob sich wütender Protest. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet, Briefe geschrieben, Versammlungen einberufen, aber es half nichts. Anfang November, so teilte die Kreisstadt mit, würden die Afrikaner einziehen. Einstweilen wurde ein Wachdienst postiert, um das leere Gebäude zu schützen. Vergeblich. In der Nacht vom 31. Oktober - ein Jahr nach Hoyerswerda, zwei Monate nach Rostock - flogen zwei Molotowcocktails über den Zaun. Der einstöckige Flachbau brannte völlig aus, die Löschzüge aus Dolgenbrodt und den umliegenden Dörfern konnten nur noch verhindern, daß die Flammen auf umliegende Gebäude übergriffen. Daß der Wachdienst zum Zeitpunkt der Tat nicht da war, das Dorf trotz Sirenengeheuls fast völlig ruhig geblieben sein soll und die Feuerwehr unerklärlich spät erschien, schürte viele Gerüchte. Aber es gab keine Verdächtigen. So schickte der Landrat seine Afrikaner nach Waßmannsdorf an den Stadtrand von Berlin die stehengebliebenen Mauerreste wurden abgerissen, der Wind vom See wehte die Asche weg, und über das verkohlte Rechteck zwischen den Birken wuchs wieder der wilde Hafer.

Aber es kam doch noch zu einem Prozeß. Im Mai 1993 wurde ein Neunzehnjähriger verhaftet, der in einer Königswusterhausener SkinheadKneipe schwadroniert hatte, er habe den Brand gelegt und auch eine Belohnung dafür bekommen. Aus Dolgenbrodt. Als die taz im August behauptete, das Dorf habe 2000 Mark gesammelt, um die Brandstiftung in Auftrag zu geben, und nach dem Brand eine "Siegesfeier" im Wirtshaus begangen, brach eine Lawine los.

"Ein nicht wiedergutzumachender Schaden für das Ansehen des Landes", fürchtete man im brandenburgischen Landtag; Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Wolfgang Thierse, der SPD Abgeordnete, zeigten sich entsetzt. Reporter von Zeitungen, Funk und Fernsehen aus dem In- und Ausland strömten in das 270 Einwohner Nest. Ein Gastwirt erinnert sich mit Grausen: "Zeitweise waren hier die Dorfangehörigen in der Minderheit gegenüber den Journalisten "

Deren Berichterstattung wiederum weckte das Interesse der Radikalen an beiden Enden des politischen Spektrums. Die Dolgenbrodter fanden Droh- wie Lobesbriefe in ihren Briefkästen und Sprühparolen ("1 rassistisches Dorf Deutschlands") auf ihren Ortsschildern; als schließlich Gerüchte laut wurden, daß ein Showdown zwischen Rechten und Linken im Dorf geplant sei, marschierte auch der Bundesgrenzschutz für ein Wochenende ein, unterstützt von Überwachungshubschraubern.