Von Dagmar Weinberg

Übertreibungen sind eigentlich nicht die Art der Briten. Vielmehr wird ihnen ein Hang zum Understatement nachgesagt. Als sich jedoch am 30. Juni 1894 die Fahrbahn der Tower Bridge auseinanderklappte und der Prince of Wales die Brücke für den Verkehr zu Wasser und zu Land eröffnete, gaben die Inselbewohner ihre sprichwörtliche Bescheidenheit auf. Dieses Bauwerk sei einmalig, jubelte die Presse, und mache die Bedeutung Englands in der Welt deutlich. In anderen Kommentaren wurde die Klappbrücke neben dem Tower sogar ein Weltwunder genannt.

Die steinverkleidete Stahlkonstruktion, die den Lauf der Themse auf einer Länge von 270 Metern überspannt, war für damalige Verhältnisse revolutionär und zeugt von hoher Ingenieurkunst. Nie zuvor war eine so komplizierte Konstruktion realisiert worden.

Bevor jedoch der Architekt Sir Horace Jones, sein Assistent George Stephenson und der Ingenieur John Wolfe Barry die endgültigen Pläne zeichnen konnten, galt es etliche Klippen zu umschiffen. Denn nicht alle Londoner waren von der Notwendigkeit einer weiteren Themsequerung überzeugt. Von jener Million Einwohner, die östlich der London Bridge Quartier bezogen hatten, wurde die neue, flußabwärts gelegene Brücke schon seit Jahren vehement gefordert. Die Bewohner waren es leid, sich tagtäglich mit dem Fuhrwerk oder zu Fuß über die völlig überlastete London Bridge zu quälen.

Ganz andere Sorgen trieb hingegen die um, die von der Themse lebten. Für die Kaufleute, die Besitzer der Kaianlagen und die Eigner der großen Teeklipper bedeutete eine Brücke nämlich – ganz egal, wie hoch oder breit sie war – ein Hindernis. Der Londoner Hafen, damals der größte der Welt, würde zerschnitten, so fürchteten sie, die Zufahrt zu den oberen Werften sei für die hochmastigen Schiffe nicht mehr möglich. Es wurde sogar gemutmaßt, am Ende müßten die Docks ganz aufgegeben werden.

Zu einem der lautesten Kritiker der neuen Brücke wurde dann auch Sir Henry Isaacs, Direktor der General Steam Navigation Company. Heute ist er als menschliches Modell, als sprechende Puppe, in der „Tower Bridge Experience“ anzutreffen, einer Ausstellung in den Türmen der Tower Bridge, in der die Brückengeschichte optisch aufbereitet wurde. Dort sind seine Argumente ebenso zu hören wie die Worte von Harry Stoner, einem jovialen Anstreicher, der die Brücke während ihrer achtjährigen Bauzeit korrosionsfest machte und die Farbakzente setzte. Der naseweise Maler wurde nicht müde, das Hohelied auf den langersehnten Überweg zu singen, dessen stählerne Ketten zu Harrys Zeiten noch nicht in strahlendem Blau leuchteten. Bis zur Generalsanierung 1976 kamen die Streben in nüchternem Schlachtschiffgrau daher. Der Wechsel zu den „patriotischen“ Farben Blau, Weiß und Rot brachte der City of London auch sarkastische Kommentare ein. Doch die verteidigte ihre Farbwahl unter anderem damit, daß alles besser wäre als das ehemals öde Marinegrau.

Von Harry erfahren die mit einem Walkman ausgestatteten Besucher in ihrer jeweiligen Muttersprache, daß es des Drucks des Parlaments bedurfte, um das Brückenkomitee zu einer Entscheidung zu bringen. Die fiel den Herren freilich leichter, nachdem sie auf den Kontinent gereist waren und sich in Holland die kleineren und simpleren Vorbilder der Tower Bridge angeschaut hatten.