Aus Dresden kommt keine Botschaft. Wenn alle Themen gleich wichtig sind, wird jedes gleichgültig. Richtige und gute Sätze für die, die sich mit Konsumentenerfahrung durch das Programm zu zappen wußten, gingen im Sprachgewirr unter oder wurden, an anderer Stelle, konterkariert. Ein Bischof kritisierte das neue Asylrecht und mahnte ein Migrationsgesetz an, eine Juristin interpretierte „Kirchenasyl“ als legale Konsequenz aus international garantierten Grundrechten, aber die Präsidentin des ZdK, Rita Waschbüsch, sagte stets unbekümmert „wir deutschen Katholiken“ – dabei kommen allein in Hamburg dreißig Prozent der Katholiken aus anderen Ländern, unter ihnen viele Asylsuchende.

Der evangelische Theologe Richard Schröder sagte ganz allgemein zur Lage in Deutschland, aber passend zur westkatholischen Dominanz: „Ihr im Westen seid in der Kunst der Selbstdarstellung ein bißchen zu weit fortgeschritten, mehr Schein als Sein.“ Die Gäste des Katholikentags, von 35 000 kamen nur 6000 aus den Ostbundesländern, blieben denn auch weitgehend unter sich. Organisatorisch ging alles glatt über die Bühnen, aber Orientierung, nach der doch gesucht wird, fehlte. Daß der erhobene Zeigefinger von Oberhirten den Weg nicht mehr bestimmt, wußten die Katholiken schon vor dem päpstlichen Schreiben mit seiner Absage an die Frauenordination. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, bemerkte zum angeblich letzten Wort aus Rom: „Zwischen der starken Tradition und der modernen Brüchigkeit der bisherigen Argumentation klafft eine Schere. Die vatikanischen Argumente haben eine hohe Plausibilität, aber sie sind nicht zwingend.“ Die Kirchentagsteilnehmer reklamierten selbstbewußt und hitzig vor laufenden Fernsehkameras in einer überfüllten Kirche die Priesterweihe der Frau, während gleichzeitig das Forum „Von Armut und Nöten im Wohlstand“ vor fast leeren Bänken stattfand. Auf dem Weg in die gesellschaftliche Offensive stellt sich die Kirche selbst ein Bein.

Keine Kamera richtete sich auf den Bischof Franjo Komarica aus dem bosnischen Banja Luka, der vom „unbegreiflichen Drama“ in Bosnien sprach und den neuen Nationalismus kritisierte. Das Verhalten Europas gleichgültig zu nennen, meinte er, sei untertrieben. Der Fuldaer Erzbischof Dyba hingegen saß mal wieder im Scheinwerferlicht. Er nannte Kirchenkritiker „Parasiten“ und zeigte eine fast paranoide Angst vor Homosexuellen. Schließlich kritisierte er, daß über die Verwüstung einer kleinen katholischen Kapelle im Bistum Fulda kaum berichtet worden sei, während über „eine privilegierte religiöse Minderheit“, deren Gebetshaus zerstört wurde, in allen Medien berichtet wurde. Dyba kann nur die Synagoge in Lübeck gemeint haben. Der Erzbischof ist eben berüchtigt, und er bestätigt seinen Ruf. „Bischof beißt Reporter“ hieß sein Auftritt auf dem Katholikentag. Die Kirche ist wahrlich selbst verantwortlich für ihr Bild in den Medien.

Sie könnte sich auch anders artikulieren. Wenn „Gott“ in sozialistischen und kapitalistischen Alltagsbanalitäten abhanden kam, die Realität aber bedrohlich ist, könnten Christen praktisch-politisch sprechen. Am klarsten erhält sich das christliche Gottesbild doch im Bild vom Menschen, egal, wie fromm er ist. „Menschenrechte“ wäre in dieser Sprache ein wichtiges Wort, irgendwann ist es auch in Dresden gefallen.