Von Reimar Oltmanns

Als der Golfkrieg tobte und der Stern von CNN über der Medienwelt aufging, schlug in Genf die Geburtsstunde des ersten paneuropäischen Kabel- und Satellitenkanals Euronews. „Wir werden schon recht bald die Stimme Europas in der Welt sein“, versprach der Italiener Massimo Fichera als Euronews-Präsident. Und sein Chefredakteur fügte hinzu: „Alle, die bei Euronews arbeiten, wissen, daß sie zu einer einzigartigen Fernsehanstalt gehören. Der alte Kontinent wird Paroli bieten.“

Seit dem 1. Januar 1993 – dem Starttermin des Europäischen Binnenmarktes – sendet Euronews synchron auf französisch, englisch, deutsch, spanisch und italienisch täglich achtzehn Stunden. Das Programm wird vom Satelliten Eutelsat über Mitteleuropa ausgestrahlt. Mit geeigneten Antennen läßt es sich auch im nördlichen Skandinavien, in Osteuropa und im nördlichen Afrika empfangen. Über elf Millionen Europäer beziehen den Nachrichtensender aus Lyon direkt aus dem Kabel. Doch wie viele Zuschauer sich Euronews tatsächlich ansehen, wie oft am Tag, wie lange, keiner weiß es. Weder gibt es Reichweitenmessungen noch exakte Zielgruppenuntersuchungen. Nicht einmal die Direktion hat einen Überblick darüber, wo denn nun Euronews tatsächlich überall zu sehen ist. Darin unterscheidet es sich schon gravierend vom Vorbild CNN.

Schon im Jahr 1988 hatten Fachleute der Union Europäischer Rundfunkorganisationen (UER) begonnen, über das Konzept eines europäischen Nachrichtensenders nachzudenken. Politiker und Medienstrategen wußten um die Schlüsselrolle des Fernsehens beim Zusammenwachsen Europas. So entstand Euronews als eigenständige Anstalt aus dem lange existierenden Programm-Pool Eurovision, über den die Mitgliedsländer der UER jährlich etwa 16 000 Filmbeiträge austauschen. Mit dem Zweitverwertungssender sollte nun Kasse gemacht werden. CNN (Europa-Bilanz 1991: 41 Millionen Dollar Werbeeinnahmen) gab das Ziel vor.

Freilich läßt Euronews Professionalität vermissen. Im Lyoner Großraumbüro hocken nur Zwanzig- bis Dreißigjährige zwischen den Monitoren. Sie sind engagiert, Berufserfahrung haben sie nicht. „Bewußt stellen wir nur junge Journalisten ein, von denen viele erst Schulabgänger sind. Sie sind nämlich noch enthusiastisch, haben noch keine dieser Berufsmacken“, sagt Präsident Fichera. Von der billigen Arbeitskraft spricht er nicht. Von Sozialversicherungs- und Krankenkassenbeiträgen mögen die Euronews-Oberen so gar nichts hören. Sie bleiben nur einer kleinen Kernmannschaft vorbehalten. Debütanten hingegen, die nach einer Zehn-Stunden-Akkordschicht mit 500 Franc (etwa 138 Mark) ins Bett fallen, dürfen sich glücklich schätzen. Profis kommen aufs Doppelte. Nur sind die nicht häufig zu sehen. Jedenfalls nicht in der deutschen Redaktion.

Beinahe täglich hängt Michael Unger, ehedem beim ZDF in Paris, zur Mittagszeit am Telephon. Seit Monaten versucht er, deutsche Kollegen für Euronews zu gewinnen. Fast immer vergeblich. Gewiß – viele waren schon da. Mal eine Woche, mal drei Wochen. Niemand blieb.

Ein kurzer Blick in die Euronews-Fabrik verrät die Arbeitsphilosophie: Hier kann jeder alles machen – und das durchgängig allein. Schneiden, texten, übersetzen, sprechen. Von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachts sendet Euronews seine Nachrichten im Dreißig-Minuten-Rhythmus. Das Filmmaterial der Eurovision wird neu gemischt und geschnitten, dazu dürfen die Redakteure in ihrer jeweils eigenen Sprache neue Texte formulieren. Ob Kriminalität auf Sizilien, soziale Unruhen in Spanien, Unwetter in den Alpen oder auch Neonazi-Unwesen in Deutschland – kaum ein Beitrag ist länger als fünfzig Sekunden, Europa wird zum Einheitsbrei.