Von Eckhard Roelcke

Schon wieder ein Meister, den wir zum Guru erheben, weil er uns so viele Rätsel aufgibt? Werden wir nun zu Saburo Teshigawara wallfahren, nachdem wir das edel ausgestattete, rätselhaft leere Zeitlupentheater Robert Wilsons ausgiebig bestaunt haben; nachdem uns Jan Fabre mit seinen bio-blauen, oft symmetrischen, immer grausam-schönen Choreographien dunkel-mythische Botschaften zugeraunt hat?

Der 41jährige Teshigawara wird in seiner Heimat Japan (angeblich) als Kultfigur des Theaters gefeiert, bei uns ist er vor allem durch seine Auftritte im Frankfurter Theater am Turm und bei der Münchner Tanzbiennale bekannt. Teshigawara ist ein Gesamtkünstler: ein Maler und Objektkünstler, Bühnen- und Kostümbildner, Musikcollageur, Regisseur, Choreograph und Tänzer – mit internationaler, fernöstlicher Aura. Jetzt hat er auf Einladung von William Forsythe mit dem Frankfurter Ballett eine 45minütige Choreographie erarbeitet.

Teshigawara ist ein Meister der statischen Extreme. Seine Ballett-Installation mit dem – in Frankfurt üblichen – kryptischen englischen Titel „White Clouds under the Heels“ („Weiße Wolken unter den Fersen“) ist entweder laut oder leise, grell oder dunkel, häßlich oder schön. Übergänge gibt es nicht – und Emotionen auch nicht. Die fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer lachen nicht und weinen nicht, sie freuen sich nicht und sind auch nicht traurig. Gefühle passen nicht in die Zeremonie, die Teshigawara vom Frankfurter Ballett zelebrieren läßt: Variationen zum Thema Glas und Mensch. Ein faszinierend strenges Exerzitium.

Es sieht ganz einfach aus: Einige Tänzerinnen schreiten nacheinander von rechts nach links über die Vorderbühne auf einer Glasscherbenbahn. Es knirscht und splittert, Mikrophone verstärken das Klirren. Die Frauen, mit schwarzen Hosen und bloßem Oberkörper, bewegen sich mal vorsichtig balancierend, mal genüßlich auftretend vorwärts, ihre Arme und Oberkörper sind in ständiger, gemächlicher Bewegung.

Teshigawara zeigt schöne, ebenmäßige Frauen mit nackten Brüsten und glitzernden Scherben unter ihren schwarzen Schuhen. Ganz leise, „unendlich fern“, sind einige Takte aus dem letzten Satz der „Trauermusik“ von Paul Hindemith zu hören. In diesem Satz, der die Überschrift „Für deinen Thron tret ich hiermit“ trägt, spielt die Solobratsche ein Rezitativ über einer Choralbegleitung der Streicher. Der Choreograph stimuliert unsere Phantasie und weckt Assoziationen: Tod und Paradies, der liebe Gott und die Scherben, auf denen die Frauen – „auf weißen Wolken unter den Fersen“ – der Zukunft entgegengehen. Tod, wo ist dein Splitter? Eine Rätsel-Asthetik an der Grenze zum glattpolierten Tanztheater-Design.

Und alles bleibt vage. Stimmt uns der Tänzer freudig, der sich hinter einer rechteckigen Glasscheibe reckt und streckt, sich verrenkt und müht? Er trägt eine schwarze Trikot-Unterhose, und auf seinem hageren Oberkörper stechen die Rippen und Schulterblätter, Armgelenke und Ellenbogen hervor. „Tanzt“ hinter dem Glas ein formalinkonservierter Mensch, der nach jahrzehntelangem Dämmern zu neuem Leben erwacht? Was inhaliert dieser Tänzer wenig später zusammen mit einem weiblichen Double? Die beiden liegen unter zwei gläsernen Röhren, aus deren Enden ein weißliches Gas ausströmt: Zuckt dieses Paar, weil es mit dem Tod kämpft, oder berauscht es sich an den Dämpfen? Und die fünf schwarzgekleideten Tänzer, aus deren Rücken lange Splitter ragen – sind sie Märtyrer oder Fabelwesen? Sie beugen sich zum Boden, sie sacken zusammen, kreiseln oder gehen zielstrebig ziellos über die dunkle Bühne. Und die „Musik“? Ist sie „wertfrei“ laut, oder wirkt das Dröhnen, Klirren, Zischen und Tropfen bedrohlich?

Teshigawara inszeniert Glas und Glasscherben, Spiegel-Reflexe, Menschen und Menschenschatten zu einem suggestiven Bildertheater. Ein Sinn erschließt sich nicht. Lang kann man nachdenken über Raum und Zeit, die Ewigkeit und Vergänglichkeit, über die Verletzlichkeit des Seins – und dann, irgendwann, wird man nur noch schauen und hören und schauen. Und verstummen. Denn an einen Guru stellt man keine Fragen.