Wer hat den blutigen Anschlag auf die jüdisch-argentinische Gemeinde verübt?Mögliche Täter: Nazis

Von Shila Mysorekar

Buenos Aires

Once, der jüdische Stadtteil von Buenos Aires, gleicht jenen Vierteln, die es in europäischen Städten vor dem Krieg gegeben hat: mit Schulen, die Hebräisch als zweite Sprache lehren; Schreibwarenläden mit jiddischen Büchern im Schaufenster; koscheren Metzgereien; kleine Cafés, die Kartoffelknishes, Apfelstrudel und Mohnkuchen anbieten – eine ganze Palette von Gerichten, die es vielleicht auch bei den Großeltern aus Wien oder Krakau zum Kaffee gab.

Orthodoxe Juden, schwarzgekleidet, mit langen Bärten, sind ein alltäglicher Anblick in den Straßen von Once. Hier hat der Großrabbiner von Argentinien seinen Sitz; hier findet man Synagogen und jüdische Kulturzentren. Und hier stand auch das Haus der AMIA, der Asociación Mutual Israelita Argentina, die Vereinigung der jüdisch-argentinischen Gemeinde. Nur ein Loch im Straßenzug blieb, wo vorher das siebenstöckige Gebäude der AMIA war. Die hundert Jahre alte Organisation ist das Zentrum aller jüdischen Gemeinden Argentiniens. Rund eine Viertelmillion Juden leben in diesem Land: Nach New York hat Buenos Aires die größte Gemeinschaft von Juden in der Neuen Welt. Sie traf nun der Bombenanschlag, der 90 Menschen das Leben kostete, 15 verschüttete und 231 verletzte.

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Ende des vorigen Jahrhunderts flohen Tausende von Juden vor den Pogromen in Osteuropa. Argentinien bot ihnen Land, das sie in Europa jahrhundertelang nicht besitzen durften. Es wuchsen Landgemeinden mit jüdischen Gauchos – Cowboys, die jiddisch sprachen. Doch die historischen Dokumente über sie verbrannten mit der Bibliothek der AMIA, ebenso wie die meisten Bände der hier aufbewahrten größten jüdischen Bücherei Lateinamerikas und der drittgrößten jiddischsprachigen Büchersammlung der Welt. Auch Dokumente über eingewanderte deutsche Nazis lagerten in den Archiven der AMIA.

Sitzen die Urheber des Attentats im Ausland? Waren es islamische Fundamentalisten? Sie könnten auch hinter dem Bombenanschlag auf die israelische Botschaft in London am 26. Juli stecken, bei dem etwa 20 Menschen verletzt wurden. Oder waren es hier in Argentinien Neonazis? Präsident Carlos Menem nutzte das allgemeine Entsetzen, um ein langgehegtes Projekt zu verwirklichen. Per Dekret, ohne Parlament, richtete er ein neues „Sekretariat der inneren Sicherheit“ ein, das ihm untersteht. Einer der bekanntesten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde kritisiert: „Man sollte innere Sicherheit nicht mit Repression verwechseln.“ Unter dem Vorwand „innere Sicherheit“ verfolgten die Militärs während der letzten Diktatur zwischen 1976 und 1983 die Opposition. 30 000 Menschen wurden verschleppt und umgebracht.

Die argentinische Regierung verbreitete sehr schnell die Theorie, daß islamische Gruppen aus dem Nahen Osten verantwortlich für den Anschlag seien. Tatsächlich bezichtigte sich eine praktisch unbekannte, kleine islamische Organisation namens Ansar Allah des Anschlages in Flugblättern, die in der südlibanesischen Stadt Sidon zirkulierten. Angeblich soll diese Gruppe enge Verbindung zur libanesischen Schiitenpartei Hisbollah haben. Die möglichen Motive: Torpedierung des laufenden Friedensprozesses im Nahen Osten oder späte Rache an der argentinischen Regierung, die im Golfkrieg bedingungslos auf der Seite der USA stand.

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