25 Jahre Woodstock

Die Stadt, der Mythos, das Festival

Wiedergeburt einer Legende: In Woodstock wird des Happenings der Blumenkinder vor 25 Jahren gedacht. Von Großkonzernen gesponsert und straff organisiert – ganz im Stil der neunziger Jahre

Only art and love transcends lifes cruelty and stupidity
(Grabinschrift auf dem Friedhof von Woodstock)

Die Stadt Woodstock liegt zwei Stunden Autofahrt nördlich von New York City, am Fuße der Catskill-Berge, zwanzig Kilometer von der Abfahrt Nummer 20 der Autobahn 87 (New York Thruway). Ein Golfclub, ein Einkaufszentrum, eine Tankstelle, Galerien, Boutiquen und Restaurants säumen den Weg zum Ortskern. Auf dem kleinen Platz dort weht eine amerikanische Flagge. Bis zum Ortsausgang finden sich dann weitere Restaurants, Boutiquen und Galerien, die Feuerwehr, die Bücherei und das historische Museum. Die Durchfahrt dauert fünf Minuten, knapp 5000 Menschen leben hier.

Der Mythos Woodstock entstand rund 120 Kilometer südwestlich, hinter den im Sommer von Sonne überfluteten Gipfeln der Catskills in der Ortschaft Bethel. Unweit der Landstraße 17 B senkt sich dort, wie ein natürliches Amphitheater, eine Wiese ins Tal. An ihrer Nordwestecke steht ein grauer Gedenkstein, auf ihm die Gravur einer Taube auf einem Gitarrenhals und die Namen von Sängern und Bands. Eine weinrote Scheune markiert den Platz, an dem vor einem Vierteljahrhundert die Bühne für ein dreitägiges Musikfestival stand. 400 000 waren damals da, trotzten dem Regen und sangen von Frieden und Liebe. Seither ist die Wiese in Bethel zu einem heiligen Gral geworden. Vergangenes Jahr im August kamen 20 000, um hier der eigenen Jugend zu gedenken – und dem, was heute die Woodstock Generation heißt.

Woodstock '69. Neben alten Rockern, die schon damals spielten (Joe Cocker, Crosby Stills and Nash), kommen Bands, deren Mitglieder vor 25 Jahren noch nicht geboren waren: Porno for Pyros, Alice in Chains, die Red Hot Chili Peppers.

»Wir wollen einfangen«, sagt Michael Lang, inzwischen knapp fünfzig und einer von drei Veranstaltern sowohl 1969 wie auch 1994, »was es bedeutet, heute ein Jugendlicher zu sein.« Falsch, antworten darauf die Kritiker: Woodstock '94 wolle von den Kindern der Blumenkinder Cash erhaschen, nichts anderes. Die Unternehmen Pepsi Co. und Häagen Dasz sind offizielle Sponsoren; die Plattenfirma PolyGram ist der wichtigste Finanzier des Festivals. Der Mythos wird zu Geld gemacht.

In Woodstock (dem Ort) wird der Meinungsstreit mit T-Shirts ausgetragen. »Offizielle«, von den Festivalveranstaltern lizenzierte Produkte hängen in fast allen Schaufenstern. » Woodstock – For Peace and Profits « steht dagegen auf einem Hemd, das eine Boutique an der Tinker Street verkauft. Überhaupt fragt sich das Städtchen, was ihm der Trubel um den Mythos bringen soll, dem es nur zufällig seinen Namen gab. »Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor«, beschreibt Tracy Kellog, eine Stadtverordnete, die Stimmung kurz vor der erwarteten Invasion von einigen zehntausend jungen Gästen aus ganz Amerika.

Bis weit in die sechziger Jahre war Woodstock eine eher verschlafene Gemeinde. Ursprünglich von holländischen Siedlern gegründet, entwickelte sich der Ort um die Jahrhundertwende zu einer Kolonie von stadtmüden Sonderlingen, Malern, Bildhauern und Musikern, die schließlich Seite an Seite mit den Familien von alteingesessenen Bauern, Gerbern und Holzarbeitern lebten. Schon vor 79 Jahren wurde mit einer Serie von Kammermusikaufführungen zum ersten Mal ein Festival veranstaltet. Theater im Woodstock Playhouse war weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt; John Cage und Aaron Copland komponierten hier – und auch Bob Dylan.

Service