Es wird viel geweint in diesem Buch. Als am Ende der Saison die Touristen mit dem letzten Schiff die Insel verlassen, bleibt ein Korb mit einem weinenden Baby zurück. Ein Brief liegt dabei, der erklärt, daß es sich um einen Notfall handle, daß eine Mutter ihr Baby für eine befristete Zeit der Obhut einer Familie übergebe, der sie vertraue. Was sie nicht ahnen kann, was der Leser zunächst nicht weiß: Vor einiger Zeit starb der Familie ein Kind, so kurz nach der Geburt, daß man es namenlos begrub. Und nun steht jeder in der Familie – Mutter, Vater, Großmutter und Larkin, die Tochter – vor der Versuchung, das Baby – Sophie – zu lieben, in vollem Bewußtsein, es auch zu verlieren. Besser und risikoreicher konnte ein Kind nicht untergebracht werden.

Zwischen dem Ablegen des letzten und dem Anlegen des ersten Touristendampfers, mit dem das Kind von der Mutter abgeholt werden wird, lernt Sophie laufen und sprechen. In dieser Zeit, vom Spätsommer bis zum Frühling, zwingt Larkin ihre Eltern, endlich über den toten Bruder zu sprechen, für den schließlich nicht mehr anonym „Baby“ (so der treffendere Originaltitel des Buches), sondern „William“ auf dem Grabstein stehen wird. Erst wenn der Schmerz einen Namen hat, kann er überwunden werden: Die Weisheit des Volksmärchens und der Psychoanalyse entwickelt sich langsam in einer vage erscheinenden Assoziationskette, die sich aber im Rückblick als streng komponierte Handlungslogik erweist.

Larkins Erzählung wird von kurzen Impressionen umrahmt und durchbrochen, von Eindrücken, die offensichtlich die erwachsene Sophie als Erinnerung für ihr Leben behalten hat: spielerische, schützende Hände, das Gesicht der Großmutter, Wörter, Stimmen, Lieder, die Farbe Rot, Kumuluswolken. Es sind Momente des Urvertrauens, die auch im Epilog anklingen, der zehn Jahre später spielt, als Sophie zur Beerdigung der Großmutter auf die Insel zurückkehrt. Quint Buchholz hat diese tiefen Eindrücke mit anrührenden „Seelen“-Landschaften illustriert, Bildern, die ebenso wie die Gedichte von Edna St. Vincent Millay und W.C. Williams oder Songs wie „Me And My Shadow“ die Geschichte ein zweitesmal, „anders“ erzählen.

Und doch bricht sich die poetische Grundstimmung immer wieder: Wenn der Vater abends auf dem Wohnzimmertisch steppt, wenn die reife Schulbibliothekarin und Lehrerin mit dem Hausmeister via Lyrik und Harley-Davidson flirtet, wenn die Mutter von Lao, Larkins Freund, atemberaubende Vorstellungen über ausströmende Elektrizität entwickelt – dann amüsiert sich der Leser, um kurz darauf um so tiefer in stumme Rührung zu versinken.

Patricia MacLachlan ist in ihrem dritten Kinderbuch ein großes psychologisches und erzählerisches Wagnis eingegangen und hat gewonnen: Sie vermittelt Kindern Erinnerungen an Kindheit als kollektives und individuelles Gedächtnis. Die Literaturpreise, die sie in den USA errungen hat, verstehen sich als eindeutige Plädoyers für ihr ruhiges, stilles, aber auch verschachtelt nachdenkliches Erzählen, das Spannung vorwiegend in den Gefühlen ihrer Personen sucht.

In „Schere, Stein, Papier“ bedeutet jedes berechtigte Lob des Buches auch ein Plädoyer für Tränen. Denn die geschilderten Personen – von den Lesern ganz zu schweigen – weinen viel und ausgiebig. Ein Kinderliteraturmotiv, das in Sentimentalität abgesunken und daher lange verleugnet wurde, kehrt als Zeichen tiefer Humanität zurück. Birgit Dankert

  • Patricia MacLachlan/Quint Buchholz (Ill.):