Von Heinrich Bergstresser und Bartholomäus Grill

In Nigeria hat die letzte Raffinerie geschlossen. Die Gewerkschaften haben den Generalstreik ausgerufen. Millionen sind im Ausstand. In den Straßen der Metropole Lagos blockieren Barrikaden den Verkehr. Streikende Arbeiter fliehen vor den Schüssen der Polizei. Tote bleiben zurück. Und in Deutschland zahlt man vier Pfennig mehr für den Liter Benzin.

Die Rohölproduktion sinkt drastisch. Shell, der größte Förderkonzern im Land, meldet Einbrüche um die vierzig Prozent. Die Unruhen am Äquator bringen die Märkte im Norden in Bewegung. Denn Nigeria gehört zu den wichtigsten Lieferanten, die Westeuropa und die USA mit hochwertigem Öl versorgen: schwefelarm und leicht zu verarbeiten. Schon nach der ersten Streikwoche wurde das Barrel bei 19,1 Dollar notiert – das höchste Niveau seit fünfzehn Monaten.

Die Nigerianer wollen ihr Staatsoberhaupt Moshood Abiola aus dem Gefängnis streiken. Dort sitzt er, seit er sich zum rechtmäßigen Präsidenten erklärte. Am 12. Juni dieses Jahres, genau am ersten Jahrestag seines Wahltriumphes, forderte er das höchste Amt. Die herrschende Militärjunta sperrte ihn ein. Und mit ihm die Hoffnung der Nigerianer. Denn Abiola sollte das Land wieder zu dem machen, was es einmal war.

Nigeria, die Nummer vier im exklusiven Club der erdölproduzierenden Länder (OPEC), schwamm einst im Geld. Lang scheint es her. Heute sind die Multimilliardäre am Nigerdelta pleite, obwohl die Ölquellen noch kräftiger sprudeln. Nigeria erging es wie James Dean im Filmklassiker „Giganten“. Auf dem Grundstück eines armen Landarbeiters wird Öl entdeckt. Der Habenichts wird über Nacht zum Millionär – und seine Seele zerbricht am Reichtum. Wie oft im schwarzen Erdteil regieren auch in Nigeria die Militärs. Korruption, Vetternwirtschaft und Mißmanagement ruinieren das Land. Herden „weißer Elefanten“ wurden in den Busch gestellt: gigantomanische, nutzlose Entwicklungshilfeprojekte, die allmählich verrotten.

Die ruchlose Elite plündert die Ressourcen. Das Volk bleibt bitterarm. Die Wirtschaft hängt auf Gedeih und Verderb von einem einzigen Exportgut ab. Und genau da liegt der große Unterschied zu den darbenden Nachbarn. Die Ware, die Nigeria auf dem Weltmarkt anbietet, ist das Schmiermittel des 20. Jahrhunderts: Öl. Das schwarze Gold wird noch lange nicht ausgehen. Der Staat kann noch Jahre weiterwursteln. Schwarzseher sehen in diesen Tagen die langen Schatten des Biafrakrieges heraufziehen, jenes Krieges in den Jahren 1967 bis 1970, in dem sich die Ostregion des Vielvölkerstaates gewaltsam abspalten wollte. Und sie prophezeien den Untergang des mit 95 Millionen Bürgern bevölkerungsreichsten Staates Afrikas. Eine Tragödie, die die in Ruanda noch überträfe.

Nach 34 Jahren Unabhängigkeit, nach sechs Staatsstreichen, vier Putschversuchen, sieben Militärherrschern und nur knapp zehn Jahren ziviler Regierung sieht die Bilanz düster aus: 30 Milliarden Dollar Auslandsschulden, 104 Milliarden Naira (rund 8 Milliarden Mark) Haushaltsdefizit im Vorjahr, 112 Prozent Inflation.