Von Joachim Nawrocki

Berlin

Im Jargon der Staatssicherheit hieß die Niederwerfung des Reformkommunismus in der Tschechoslowakei 1968 schlicht „Aktion Genesung“. Die Wortwahl sollte suggerieren, daß der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag die Remedur für einen Kranken war. Der Bazillus hieß „Konterrevolution“. Die Verantwortlichen im Ministerium für Staatssicherheit plagte eine Heidenangst, daß sich diese Gefahr auch im sozialistischen Teil Deutschlands ausbreiten könnte. So unternahmen sie alles, um den Krankheitsherd in seinem Ursprungsland, der Tschechoslowakei, zu isolieren. Und sie sorgten für bestmögliche Prophylaxe im eigenen Land, der DDR.

Stasi-Akten über die Niederschlagung des Prager Frühlings, die jetzt in der Gauck-Behörde sorgfältig ausgewertet wurden, dokumentieren die Aufgeregtheit der DDR-Führung angesichts der Reformpolitik im Nachbarland. Dabei fällt auf, daß selbst in den internen Auswertungen und Anweisungen des ostdeutschen Sicherheitsapparates ein völlig wirklichkeitsfremdes Bild vorherrschte. Die Papiere wiederholen die Propagandalügen, nach denen der „Gegner“ versucht habe, „die ČSSR auf den kapitalistischen Weg zurückzuzerren“. Auch das angebliche „Hilfeersuchen“, das den Vorwand für den längst beschlossenen Einmarsch in die Tschechoslowakei im August 1968 bot, wurde als Aktion „verantwortungsbewußter Persönlichkeiten“ gewertet, die den Interessen „der besten Kräfte des tschechoslowakischen Volkes“ entsprochen habe.

Die Dokumentation untermauert aber auch die bisherigen Erkenntnisse, nach denen die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR nicht mit eigenen Kampfverbänden in der Tschechoslowakei interveniert hat. Monika Tantzscher, die für diese Untersuchung zuständige Mitarbeiterin der Gauck-Behörde, weiß unter anderem aus der Handakte des Stasi-Ministers Erich Mielke, „daß damals nur eine Nachrichten-Abteilung der NVA die Grenze überschritt“. Zwar wurde die gesamte NVA in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt, und die 7. Panzerdivision stand als Reserve in Bereitschaft. Diese Verbände, so schrieb damals Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, seien „auf die Lösung von Aufgaben auf dem Territorium der ČSSR vorbereitet“ und bereit, „alle gestellten Aufgaben zu erfüllen“. Aber eingegriffen haben sie offenbar nicht.

Bei einem Treffen des tschechoslowakischen Präsidenten Ludvic Svoboda mit Generälen der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR notierte der stellvertretende Verteidigungsminister Heinz Keßler wenige Tage nach der Invasion, es sei vorgetragen worden, daß sich Truppen der NVA nicht auf tschechoslowakischem Territorium befänden. Als Svoboda einwarf, es gebe aber Berichte, nach denen sich die Truppen der NVA im Norden der Tschechoslowakei aufhielten, wurden „diese Gerüchte“ sowohl von NVA-General Martin Bleck als auch vom sowjetischen Armeegeneral Pawlowski als „unwahr“ zurückgewiesen.

Aber sonst mischte sich die DDR, allen voran das Ministerium für Staatssicherheit, in jeder nur denkbaren Weise in die tschechoslowakischen Entwicklungen ein. Informelle Mitarbeiter (IM) und hauptamtliche Stasi-Offiziere schwärmten aus, um „progressive Kräfte“ im Nachbarland zu stärken und „konterrevolutionäre Einflüsse“ zurückzudrängen. Der stellvertretende Stasi-Minister Markus Wolf verfügte zwei Monate vor der Invasion einen Maßnahmenplan, mit dem die „Zersetzungsversuche der Westmächte“ aufgeklärt und die „kulturelle und ideologische Einflußnahme in der ČSSR“ organisiert werden sollten.