Die französische Polizei will algerische „Terroristen terrorisieren“, trifft aber vor allem unschuldige EinwandererDelikt: Schwarze Locken, dunkle Haut

Von Fredy Gsteiger

Paris

Ein Schlüpfer für sieben Franc. Wenn das keine günstige Gelegenheit ist. Das Hemd des billigen Jakob im Erdgeschoß von Tati zeigt dunkle Schweißflecken unter den Ärmeln. Doch der Marktschreier krächzt unverdrossen weiter: „In diesem schönen Sommer bieten wir solch schöne Preise, alles bei Tati – les plus bas prix, die niedrigsten Preise.“ Dafür ist das vor vierzig Jahren von einem tunesischen Einwanderer im bunten Pariser Barbès-Viertel gegründete Kaufhaus berühmt.

Wenn die Kaufwütigen stutzen, dann nicht über die „sensationellen Angebote“, sondern über die Worte „in diesem schönen Sommer...“ Zwar brennt die Sonne auf die Metropole, doch schön erscheint dieser August den wenigsten, die sich hier drängeln. Immer mehr sind arbeitslos, immer weniger können es sich leisten, der Schwüle der Großstadt zu entfliehen. Und die gut eine Million Algerier in Frankreich trauen sich nicht mehr heimzufahren. Denn in ihrer alten Heimat herrscht Krieg. Ein auf den Maghreb spezialisiertes Reisebüro hat Algier und Oran vom Schwarzen Brett mit den Billigflügen gestrichen. „Fahren Sie doch nach Tunis oder Marrakesch“, meint flapsig eine Verkäuferin.

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Beim Zeitungsstand vor der Metro-Station Barbès-Rochechouart künden Schlagzeilen „Alles über den Wunderprinzen Albert“ (von Monaco) an; auch „Warum junge Frauen reiche alte Männer heiraten“ ist zu erfahren. Die Schlägereien in städtischen Schwimmbädern, angezettelt von aggressiven Jugendlichen, sind hingegen kein Thema. Die Leitartikler der liberalen Blätter fordern täglich Toleranz und predigen Nüchternheit. Sie wohnen in den besseren Vierteln. Für sie stellt die Völkerverständigung vorab ein intellektuelles Problem dar. In Barbes findet indes der Nord-Süd-Konflikt täglich auf der Straße statt.

Amüsement verspricht wenigstens ein Kinoplakat: Ein strahlender Eddie Murphy spielt die Hauptrolle im Film „Les Flies de Beverly Hills 3“. Die echten Flies geben sich dieser Tage weniger leutselig. Seit zwei Wochen führen sie Großrazzien durch. Nacht für Nacht werden Tausende kontrolliert. Innenminister Charles Pasqua, der die „Terroristen terrorisieren“ will, blies zum Großaufmarsch. Der Regisseur der „Operation Chrysanthemen“ gefällt sich während der Ferienabwesenheit des Präsidenten, des Ministerpräsidenten und des Außenministers als starker Mann.

Mit seinen markigen Sprüchen verstärkt Pasqua bei seinen (weißhäutigen) Landsleuten den Eindruck, hinter jedem Einwanderer, hinter jedem dunkelhäutigen Beur – wie die in Frankreich geborenen Kinder arabischer Einwanderer genannt werden – verberge sich ein muslimischer Eiferer; ja, ein Terrorist. „Schau“, erklärt ein Franzose, dem Dialekt nach aus dem tiefen Süden des Landes, seiner Gattin, „hier lassen sie ihre falschen Papiere anfertigen.“ Dabei deutet er auf einen harmlosen Marktstand, an dem ein Araber Ausweise mit Plastikschutzhüllen versieht.

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