Von Ulrich Schnabel

Warum sind alle so kritisch mit ihm? Einer der scharfsinnigsten Wissenschaftler unseres Jahrhunderts, in Quantenmechanik, Linguistik und Umweltschutz gleichermaßen kompetent, politisch tätig, setzt zur allumfassenden Synthese an – und dennoch wird ihm keine öffentliche Bewunderung zuteil. Denn wer kennt schon Murray Gell-Mann?

Dabei hat der Mann, der über ein außerordentlich scharfes Abstraktionsvermögen und einen Riecher für erfolgsträchtige Ideen verfügt, wie kaum ein anderer die moderne Physik mitbestimmt. Seit dreißig Jahren arbeitet er an immer neuen Theorien, oft mit jüngeren, stets wechselnden Kollegen, eine Art Miles Davis der theoretischen Physik. Doch während etwa die Bücher seines Kollegen Stephen Hawking mit ihrer schwer verständlichen Kosmologie zu Publikumsrennern avancierten, erntet Gell-Mann allenfalls mäßiges Interesse für sein populärwissenschaftliches Erstlingswerk, das vor wenigen Wochen in den USA erschienen ist. Als knowit-all, als Alleswisser betiteln ihn die Journalisten dort gern ebenso bewundernd wie ironisch. In diesen Tagen wird „Das Quark und der Jaguar“ im Münchner Piper-Verlag herauskommen. Werden hierzulande die Reaktionen positiver sein?

Der mangelnde Enthusiasmus und die nicht unbedingt schmeichelhaften Portraits in amerikanischen Medien mögen damit zusammenhängen, daß Journalisten bei Gell-Mann auf wenig Gegenliebe stoßen. Halb- und Pseudowissen ist dem unerbittlichen Perfektionisten ein Greuel; über Journalisten sagt er schon einmal, sie seien „eine fürchterliche Brut“. Ein Interview mit ihm zu führen ist nicht gerade einfach. Das New York Times Magazine etwa zitiert in Ehrfurcht kapitulierend Gell-Manns Literaturagenten: „Gell-Mann hat fünf Gehirne, und jedes davon ist schlauer als du.“

Steht man ihm gegenüber, wirkt der 64jährige Nobelpreisträger mit seinem weißen Kraushaar auf den ersten Blick indes eher wie ein netter Opa. Er freut sich sichtlich, wenn jemand Interesse für sein Buch und seine Theorie der plectics zeigt. Und gern erläutert der linguistisch gebildete Physiker, wie er mit dieser Wortschöpfung sowohl die komplexen Dinge dieser Welt als auch die einfachen beschreiben möchte – und ihren Zusammenhang. Schließlich gingen die Silben plic (vom englischen simplicity) und plex (von complexity) auf dieselbe indoeuropäische Wurzel piek zurück. Man wäre versucht, solche Wortspiele für den netten Zeitvertreib eines älteren Herrn zu halten, wüßte man nicht, daß auch die sogenannten „Quarks“ anfangs nur als Idee in Gell-Manns Hirn vorhanden waren. Heute, dreißig Jahre später, sind all diese vorhergesagten Bausteine der Materie nachgewiesen (siehe ZEIT, Nr. 18/94) und gilt Gell-Mann als Chefarchitekt der Elementarteilchenphysik.

Jetzt allerdings geht es dem Theoretiker um größere Zusammenhänge. Ihn beschäftigt die Synthese von Physik und Biologie, von Verhaltenswissenschaft, Kunst und Geisteswissenschaft. Anstatt unsere Welt aus „verschiedenen spezialisierten Blickwinkeln“ zu beschreiben, möchte er einen „groben Blick auf das Gesamtsystem“ werfen. In seinem Buch „Das Quark und der Jaguar“ versucht er, die Forschungen auf diesem Gebiet allgemeinverständlich darzustellen – und läßt hehre Ansprüche anklingen: „Es gilt“, schreibt er im Vorwort des 500 Seiten starken Werkes, „unter den zahlreichen möglichen Wegen, die die Menschheit einschlagen kann, jene ausfindig zu machen, die mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einer besseren Bewahrung der Biosphäre führen könnten.“ Wobei „Bewahrung“ bei Gell-Mann nicht einfach nur den Schutz vor Umweltschäden meint, sondern ebenso „die Vermeidung von Vernichtungskriegen, dauerhaften totalitären Herrschaftsformen und anderen schweren Übeln“.

Ein ambitioniertes Programm fürwahr. Ist das nicht vielleicht eine Nummer zu groß gedacht? „Mein persönlicher Ehrgeiz ist ziemlich bescheiden“, sagt Gell-Mann mit treuem Blick. „Ich möchte nur auf diese faszinierenden Forschungsarbeiten aufmerksam machen, die sich mit Einfachheit und Komplexität beschäftigen.“ Genauer gesagt: vor allem auf die Arbeit seiner Kollegen am Santa Fé Institute in New Mexico. Gell-Mann ist einer der Mitbegründer dieses interdisziplinäres Wissenschaftlertreffs und vielleicht der renommierteste Fürsprecher der sogenannten Komplexitätstheorie, die als Modeströmung derzeit in Konkurrenz zur Chaostheorie tritt. Der Hobbyornithologe Gell-Mann, der sich auch für Archäologie, Anthropologie, Geschichte und Tiefenpsychologie interessiert, sieht sich als Mittler zwischen den Welten, die für ihn nach Nietzsche hauptsächlich von nüchternen „apollinischen“ Analytikern und intuitiv orientierten „dionysischen“ Naturen vertreten werden. Sich selbst (und die meisten Forscher des Santa Fé Institute) bezeichnet er dagegen als „odysseeische“ Typen, die beide Grundhaltungen vereinbaren könnten.