Von Claudia Steinberg

Der erste Satz klingt noch entschieden brav. „Ich bin mit den Lehren von Mao und den Opern von Madame Mao, der Genossin Jiang Ching, großgezogen worden.“ Kündigt sich so ein Alptraum an? „Rote Azalee“, so hat Anchee Min das inzwischen in elf Sprachen übersetzte Buch über ihre Kindheit während der Großen Proletarischen Kulturrevolution genannt. Vor allem in ihrer neuen Heimat USA hat es großes Echo gefunden. So eindringlich ist die Verquickung politischer und sexueller Repression, der diese Generation ausgeliefert gewesen ist, bislang noch nicht beschrieben worden.

Heute lebt die 37jährige Chinesin mit Mann und Kind in einem absolut unauffälligen, mittelständischen Viertel von Chicago. Das klotzige Stein- und Glasinterieur ihrer Wohnung läßt sie übertrieben klein und zart erscheinen. In dieser Umgebung produziert sie farbenfrohe Ölgemälde über ihre chinesische Geschichte und ein zweites Buch, diesmal über ihre Erfahrungen in den USA.

Es ist nicht leicht, einen Platz zwischen ihren vielen Terminen zu erobern. Doch dann ist sie großzügig mit ihrer Zeit, mit sich. Ihre Gastfreundschaft ist beinahe abrupt, ohne Zurückhaltung, ohne Umschweife. Kein Small Talk polstert den Kontakt mit dem fremden Gegenüber. Gleich zu Beginn des Gesprächs erzählt sie von ihrer zerbrechenden Ehe mit einem Chinesen, der ihren Erfolg nicht ertragen kann. Sie zeigt Photos von ihrer kleinen Tochter und die wenigen Bilder ihrer eigenen Kindheit in China, die sie noch besitzt: Anchee mit gestutzten Zöpfen und strahlenden, erhobenen Augen – die Inkarnation revolutionären Eifers.

Ihrer Irrtümer schämt sie sich nicht, und ihre Niederlagen sind ihr nicht peinlich. Ihre Ehrlichkeit ist verblüffend (vielleicht hat das jahrelange Training in öffentlicher Selbstkritik ja auch seine guten Seiten) und umso verwirrender, als sie ihre Gefühle trotzdem nicht preisgibt. Nirgendwo sei die Kunst der Lüge so entwickelt wie in China, behauptet Anchee Min. Doch bei ihr versteckt sich eine Wahrheit hinter einer anderen. Selbst in dem erstaunlich jungen Gesicht der perfekt integrierten Einwanderin lassen sich keine Spuren ihrer horrenden Vergangenheit entdecken.

Jedes Jahr kehrt sie für mehrere Monate nach China zurück. Ihre Rolle beschreibt sie als die einer humanitären Missionarin. Erstaunlich nachsichtig ist sie mit den gegenwärtigen wie mit den früheren Machthabern. Für Deng Xiaoping drückt sie trotz des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens und anderer Bürgerrechtsverletzungen Bewunderung aus. Die aufständischen Studenten? Sie bezeichnet sie als naiv. Dazu hat sie auch einen Mao-Spruch parat, den sie ohne zu zögern zitiert: „Die Macht hat derjenige, der das Gewehr trägt.“

Anchee Mins Geschichte beginnt unter relativ privilegierten Umständen. Die Familie bewohnt eine verhältnismäßig große Wohnung in Shanghai, bis eines Tages die elfköpfige Nachbarsfamilie, die seit drei Generationen in einem einzigen Raum haust, die Mins aus deren Wohnung verjagt, um selbst einzuziehen. Die revolutionäre Gerechtigkeit steht nicht auf der Seite von Familie Min. Als ehemaliger Hochschullehrer ist Anchees Vater mit einer Umschulung zum Druckereigehilfen glimpflich davongekommen. Die Mutter hingegen schuftet bis zur Erschöpfung in einer Schuhfabrik.