Ein junges männliches Ich – „auf Klassenphotos immer leicht zu erkennen: Ich bin der mit dem Drachen-T-Shirt“ – schätzungsweise zwischen acht und zehn, liebt Drachen, seit er denken kann, also lange bevor die Modevokabel „Dino! Dino!“ bereits in den Mund quengelnder Krabbelkinder gelangte. Er liebt sie intensiv und ehrlich und schwärmerisch, wovon sein Zimmer Zeugnis ablegt, in dem es keinen Jurassic-Park-Abklatsch gibt, nur „ernsthafte“ Trophäen. Die Eltern, offensichtlich nicht gerade arm, buchen ihrem Sprößling zuliebe eine Reise nach Indonesien. Ziel ist Komodo, eine Insel, auf der die Komodowarane leben, riesige Echsen, einzig überlebende Nachkommen der fleischfressenden Dinosaurier des tropischen Asien.

Im Flugzeug liest der Drachenfreak zum x-ten Mal sein Buch über die Drachen auf Komodo und hat feste (und, wie wir ahnen, unerfüllbare) Vorstellungen von der ersehnten Begegnung, dem Aufeinanderzueilen mit ausgebreiteten Armen, dem unbedingten Unter-sich-Sein von Drache und Drachenfreund.

Als sich die Reisenden der von Regenwalddschungel bedeckten Insel Komodo nähern, fragt man sich beklommen, wie die scheuen, erst 1912 entdeckten Geschöpfe die Invasionen solch organisierter Tagesausflüge wohl überstehen mögen. Gibt es sie überhaupt noch? Vom Anlegesteg aus wälzt sich die Prozession Schaulustiger bis zur zirkusarenagroßen Schneise inmitten der Insel und umringt dort ein kleines Gebüsch und einen fliegenumsurrten Freßnapf. Man hält Videokameras schußbereit, zückt die Feldstecher, verstreut Müll, die Kinder haben dem Gedränge längst den Rücken gekehrt und langweilen sich. Auch unser Ich macht sich ein wenig auf eigene Faust davon, und da, endlich, findet sie statt – die Begegnung. Oder doch nicht?

Die wie aus einem tieffliegenden Ballon heraus gesehenen Bilder des Wahlamerikaners Peter Sis sind, so paradox das klingt, sparsam und mitteilsam zugleich. Noch sparsamer ist der Text: ein Satz für je eine Doppelseite, die notwendigsten Informationen, indes die Bilder sich das Erzählen vorbehalten. Für den, der zuhören kann, ist ihre Sprache deutlich genug. Sehr deutlich.

Karla Schneider

  • Peter Sis:

KOMODO!