Sie stand zeitlebens im Schatten ihrer Kampfgefährtin Rosa Luxemburg. Und sie wurde nach dem immer gleichen Schema portraitiert: als Führerin der sozialdemokratischen Frauenbewegung, als Antifaschistin, als pflichtbewußte Genossin der KPD. Clara Zetkin – die große Heldin.

Dieses inzwischen weithin verblaßte und im Zeitalter des Postsozialismus auch unattraktiv gewordene Klischee will Gilbert Badia durch neue bunte Farbtupfer auffrischen. Streitbar soll seine Lehrerstochter aus dem sächsischen Dorf Wiederau sein, hartnäckig gegenüber den Altvätern in den eigenen Reihen, dazu feministisch und nicht auf den Mund gefallen. Ein lohnenswertes Vorhaben, zumal man nun vor allem in Moskau und einstigen DDR-Archiven nach unausgewerteten Quellen stöbern kann.

Doch schade. Der französische Historiker schafft es nicht, die alten Denkkategorien abzulegen und zugleich auch einen kritischen Blick auf die Begründerin des Internationalen Frauentags zu entwickeln. Langatmig und altmodisch pathetisch wird statt dessen Bekanntes aufgezählt: Claras Elternhaus; die Ausbildung der wißbegierigen Tochter am legendären Lehrerinnenseminar der Auguste Schmidt; das Exil mit Ossip Zetkin 1882 in Paris; schließlich die Rückkehr der „gefährlichsten Hexe des Deutschen Reichs“ (Wilhelm II.) in ihre Wahlheimat Stuttgart, wo sie im Geiste August Bebels wirkt und Arbeiterinnen Klassenbewußtsein einschärft.

Clara Zetkin war eine ungewöhnliche, mutige Frau. Aber es fehlte ihr jeder Witz, jeder Esprit, mit der ihre junge Freundin Rosa, die scharfsinnige Theoretikerin und leidenschaftliche Briefeschreiberin, selbst politische Gegner fasziniert. Clara dagegen wirkt schon äußerlich behäbig und streng. In Parteikreisen wird ihr dogmatisches Denken und Besserwisserei nachgesagt. Weibliche Konkurrenz, zum Beispiel eine Lily Braun, kann sie nur schwer ertragen. Diese Seiten der Frauenrechtlerin bleiben in der Biographie ausgespart; ebenso ihre Liaison mit dem Kunstmaler Friedrich Zundel, der sie nach Jahren des Zusammenlebens plötzlich verläßt, der ständigen Gängeleien überdrüssig.

Gilbert Badia zeichnet eine Clara Zetkin ohne Widersprüche. Genauer gesagt: Alles Störende, vermeintlich Negative, retuschiert er weg, indem er die Redakteurin der Gleichheit, später der Kommunistin, als Superfrau erscheinen läßt. Daß auf diese Weise eine eher museale Figur entsteht, die anno 1994 kaum noch jemanden interessiert, dürfte indes auch die Übersetzerinnen wenig kümmern. Vielleicht glauben sie aber auch, mit ihrem krampfhaft eingebauten alternativen „I“ die Historie hinreichend aufzupäppeln.

Wie dem auch sei – das Buch ist ärgerlich und eine verpaßte Chance. Denn eine Frau, die sich in den Jahren der Weimarer Republik Respekt im Regiment der Funktionäre verschafft und es 1932, als Alterspräsidentin des Deutschen Reichstages, fertigbringt, vor Hunderten von Nazis die „Einheitsfront aller Werktätigen gegen den Faschismus“ zu beschwören – Clara Zetkin, damals bereits 75 Jahre alt, sollte mehr denn je ernstgenommen werden. Sie hat es verdient.

Kristine von Soden