Von Anja Jardine

Nein, Slowenien ist nicht Slawonien, eine Provinz im Osten Kroatiens, und auch nicht die Slowakei. Slowenien ist die ehemals nördlichste Republik des zerfallenden Jugoslawien und heute ein freies Land. Außerdem: In Slowenien herrscht kein Krieg. Es ist dort so friedlich wie am Bodensee. Bis auf ein paar Denkmäler erinnert nichts an die zehn Tage dauernden Kämpfe zwischen Soldaten der jugoslawischen Armee und slowenischen Milizen im Juni 1991.

Am liebsten würden die zwei Millionen Slowenen laut aufschreien, um diese Irrtümer endgültig auszuräumen. Drei Jahre waren es am 25. Juni, drei Jahre Unabhängigkeit, parlamentarische Demokratie und Frieden. Und noch immer zögern die Touristen, meiden das Land, das – auf einer Fläche halb so groß wie die Schweiz – Gebirge, Seen, Karstlandschaft, Luftkurorte und vierzig Kilometer Adriaküste bietet. Zudem eine uralte Geschichte, einen eigentümlichen Charme und noch etwas: eine ganz besondere Atmosphäre. Slowenien ist ein Land im Aufbruch. ™

Nur ein einziger Reiseführer – noch immer unter „Balkan“ – findet sich in der Buchhandlung, anhand dessen wir unsere Route planen können: vom Nordwesten des Landes ein Stück entlang der Sofia, weiter bis hinunter nach Piran an die Küste und von dort aus nach Ljubljana. Erster Stopp ist das nach dem Fluß benannte Dorf Soča. Drei Häuser stehen da – eines davon gehört Julius, unserem Wirt.

Schlichte Zimmer mit Holzkreuz über dem Bett und gehäkelter Spitze auf dem Nachttisch. Abends gibt es Hausmannskost in der Gaststube, Julius’ Frau Nataša kocht, seine sechzehnjährige Tochter serviert. Nach der Unabhängigkeit haben sie den seit Jahren ungenutzten Hof des Vaters in eine Pension umgebaut. Rechtzeitig zum Sommer sind alle drei Zimmer fertiggeworden.

Julius stellt eine Suppenterrine mit Minestrone auf den Tisch, dazu frischgebackenes Weißbrot und einen Merlot. Die Tür zur Veranda steht offen und gibt den Blick frei auf den Triglav – mit über 2800 Metern der höchste Berg Sloweniens. Es ist spät am Abend. Die Sonne holt noch mal das letzte aus sich heraus und vergoldet den grauen Fels. Aus dem Hinterzimmer klingt Gesang: Nachbar Dimitri feiert seinen 90. Geburtstag. Julius, der noch keine Sekunde stillgestanden hat, hält inne und singt mit. Es ist die Nationalhymne. Viele Stunden und ein köstliches Pilzragout später setzt er sich zu uns an den Tisch und spendiert selbstgebrauten Johannisbeerschnaps. Die Hymne sei eigentlich ein Trinkspruch, geschrieben von dem Nationaldichter France Prešeren, erklärt Julius. Das vollbärtige Gesicht aufgestützt, die großen, braunen Augen in die Ferne gerichtet, fügt er hinzu: Das sei doch ein wunderbares Land, wo die Hymne ein Trinkspruch sei, oder nicht?

Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Süden. Die Sofia weist uns den Weg: Wie ein smaragdgrünes Band windet sich der Fluß durch die weißgrauen Berge mit ihren schroffen Kämmen und mächtigen Steilhängen, die erst in Kastanienwälder und dann in Wiesen übergehen. Die Sofa schnellt durch pittoreske Schluchten – an den Zuflüssen bis zu siebzig Meter tief und kaum einen Meter breit. Dann wiederum plätschert der Fluß seicht über weiße Kieselstein-Lichtungen, fließt durch hügeliges Grasland, um sich kurz darauf steile Felsstufen hinabzustürzen. Mehrere Wasserfälle münden in die Soča, darunter der über hundert Meter hohe Boka-Wasserfall bei Bovec – der wasserreichste Sloweniens.