Der Leipziger Arzt und Hochschullehrer Konrad Herrmann hatte im Herbst 1992 allen Grund, mit sich zufrieden zu sein. Soeben war er zum Professor für Dermatologie berufen worden; Vorträge über seine wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem zur Pathogenese der systematischen Sklerodermie, führten ihn häufig ins Ausland; wegen seiner Forschungsergebnisse schätzt man ihn außerordentlich. Alles in allem ein ausgefülltes Leben, mit gesicherter Perspektive, in soliden finanziellen Verhältnissen. Mit einem Wort: Es ging ihm gut.

Was dann geschah, sollte sein Leben von Grund auf ändern. Dabei begann der 22. Dezember 1992 wie jeder andere Tag. Konrad Herrmann wollte früh in die Klinik fahren. Doch das gerade erst angeschaffte neue Auto war über Nacht gestohlen worden. Mißmutig erstattete er Anzeige bei der Polizei. Seine Laune verschlechterte sich noch, als ihm die Beamten wenig Hoffnung machten, das schöne, etwa 60 000 Mark teure Gefährt je wiederzusehen. „Kaum gestohlen, schon in Polen“, lautete ihr aus Erfahrung gespeister lapidarer Kommentar.

Der Fortgang der Geschichte, später vor Gericht rekonstruiert, mutet absurd an. Herrmann zog seine Tochter Christine zu Rate, die mit einem jungen Mann aus der Leipziger „Unterwelt“ zusammenlebte. Mag sein, daß er Gregor P., der bei Herrmanns ein und aus ging, sogar im Verdacht hatte, das Auto gestohlen zu. haben, jedenfalls hoffte er wohl auf dessen „Kontakte“. Tatsächlich: Noch am Abend des 22. Dezember wurde das Auto gefunden, Gregor P. und dessen Kumpan Frank D. stellten am Fundort auch noch den mutmaßlichen Dieb. Zwar konnte dieser flüchten, aber die beiden schnappten sich dessen Freund, den Jugendlichen Mike L. Unter Schlägen gab der den wahrscheinlichen Aufenthaltsort des Autoknackers Karsten Sch. preis: die Leopoldstraße 9 im Leipziger Stadtteil Connewitz.

Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können. Das Auto war wieder da, wenn auch beschädigt; die Adresse des mutmaßlichen Diebes ermittelt, wenn auch auf fragwürdige Weise. Konrad Herrmann hätte nur noch zur Polizei gehen müssen. Statt dessen fuhr er mit Gregor P. und mehreren von dessen zwielichtigen Bekannten in drei Wagen nach Connewitz. Im Hinterhof der Leopoldstraße 9 ließen sie Mike L. vor dem verbarrikadierten Eingang nach seinem Freund rufen. Man muß wissen, daß Connewitz ein Zentrum der Hausbesetzerszene ist; Mike. L. war bekannt, daß die Bewohner für alle Fälle einen Fluchtweg vorbereitet hatten, der auf ein Grundstück der Parallelstraße führte. Herrmann begab sich dorthin, erwischte den Gesuchten auch. Nach heftiger Rangelei konnte der sich jedoch losreißen. Dem Professor ging dabei die Brille entzwei.

Seine nächtlichen Gefährten setzten dem Flüchtenden nach und sahen, wie er in einem Lokal, der „Goldenen Krone“, verschwand. Das Personal verhinderte zunächst weitere Selbstjustiz. Die Polizei wurde verständigt, verließ jedoch den Ort wieder, als klar wurde, daß der mutmaßliche Autodieb doch entwischt war.

An dieser Stelle hätte die Geschichte wieder zu Ende sein können. Aber es ging weiter. Der Flüchtende schlug sich ins Café „Zorro“ durch, wo er den beim Bier sitzenden Hausbesetzern berichtete, „Zuhälter“ wollten die Leopoldstraße 9 „plattmachen“. Spontan sprangen daraufhin mehrere junge Männer auf, unter ihnen Steffen Thüm, das spätere Opfer, und griffen zu Knüppeln, auch ein Beil war im Spiel, um den vermeintlichen Angreifern entgegenzutreten.

So haben es die Beteiligten aus der Erinnerung geschildert. Unbestritten ist weiter, daß eines der drei Autos auf der Leopoldstraße geradewegs auf die knüppelschwingenden Burschen zufuhr. Ferner ist sicher, daß Thüm aus dem fahrenden Pkw heraus erschossen wurde. Der Täter muß also im Auto gesessen haben. Wer von den nächtlichen Gefährten zu den Insassen gehörte und wer wo im Auto Platz genommen hatte, sollte die entscheidende Frage der Hauptverhandlung werden.

Für den Staatsanwalt war die Sache nach langwierigen Ermittlungen klar: Gregor P., Professor Herrmann und Norman K., der Fahrer des Wagens, hätten „gemeinschaftlich aus niedrigen Beweggründen einen Menschen getötet“. Also Mord. Die Anklagebehörde war zwar davon überzeugt, daß Gregor P. die tödlichen Schüsse abgefeuert habe, ging aber davon aus, daß Herrmann mit im Auto saß, was dieser von Anfang bestritten und der Fahrer des Wagens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen hatte. Selbst im polizeilichen Abschlußbericht stand, daß „nicht geklärt werden konnte“, ob der Arzt sich zum Zeitpunkt der Schußabgabe im Auto befand „oder erst danach zustieg“.

Obwohl also nach dem Ergebnis der Ermittlungen kein hinreichender Tatverdacht gegeben war, wurde die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen, Konrad Herrmann mußte sich vor der Zweiten Strafkammer des Leipziger Landgerichts verantworten. In den Gerichtssaal kam er durch tendenzielle Veröffentlichungen quasi vorverurteilt. Die Bild-Zeitung hatte schon frühzeitig in riesigen Lettern auf Seite eins gefragt: „Sind Sie der Mörder, Herr Professor?“

Die Beweisaufnahme ergab am Ende ein äußerst widersprüchliches Bild. Zunächst hatten die drei Richter und die beiden Schöffen ein Geständnis von Gregor P. zu würdigen, der bis zur Hauptverhandlung zu allen Vorwürfen geschwiegen hatte. Gregor P. gab zu, geschossen zu haben, behauptete aber zugleich, der Professor, dessen Schwiegersohn er doch so gerne werden wollte, habe mit im Auto gesessen und ihm sogar das Gewehr gereicht. Der Fahrer des Wagens, der bei den polizeilichen Vernehmungen noch sicher gewesen war, daß sich der Arzt zu dem Zeitpunkt der Schußabgabe nicht im Fahrzeug befand („Ich hätte ihn bemerken müssen“), sagte in der Hauptverhandlung, er wisse es nicht mehr so genau. Ein anderer Zeuge, der vorher gehört haben wollte, wie Gregor „Die knalle ich ab“ geschrien habe und der deshalb versucht haben wollte, ihm das Gewehr zu entreißen, gab zu, gelogen zu haben.

Auch Herrmanns Version hatten die Richter zu bedenken. Er sei erst nach den Schüssen, von denen er nichts mitbekommen habe, in das Auto gestiegen. Da erst, so beteuerte er während der Hauptverhandlung immer wieder, habe er das Gewehr gesehen. Als er kurze Zeit später vom gewaltsamen Tod Steffen Thüms erfuhr, habe er Gregor P. zur Rede gestellt. Vor Zeugen habe dieser schließlich gestanden, geschossen zu haben. Gleichzeitig habe er ihn gewarnt, gegen ihn auszusagen, schließlich habe er ja nichts gesehen. Als er sich geweigert habe, habe Gregor P. ihm massiv gedroht: Seine Freunde würden bezeugen, daß Herrmann im Auto gesessen und womöglich sogar geschossen habe. Auch seine Tochter habe ihn beschworen, nichts zu sagen, schließlich habe Gregor alles nur seinetwegen unternommen.

Die Kammer hatte auch die Aussage eines jungen Mannes zu bewerten, der das nächtliche Geschehen teilweise beobachtet hatte. Der Student gab an, Schüsse gehört und kurz darauf vom Fenster seiner Wohnung aus gesehen zu haben, wie vier Männer aus einem Auto stiegen. Der auf der Beifahrerseite sei ein Blonder mit Bart und Brille gewesen und habe ein Gewehr getragen. Im Gerichtssaal erkannte er aber keinen wieder, auf den diese Beschreibung paßte. Als Herrmanns Verteidiger auf seinen Mandanten zeigend fragte, ob dieser es sei, antwortete der Zeuge laut und vernehmlich: „Nein, dieser ist es nicht.“

Sensationelle Wende des Prozesses am fünften Verhandlungstag: Gregor P. widerrief sein Geständnis. Zum Zeitpunkt der Schußabgabe, so die neue Version, habe nicht er, sondern Herrmann auf dem Beifahrersitz gesessen. Auch habe nicht er geschossen, sondern der Professor. Weil Herrmann unter Tränen gefleht habe, ihn nicht zu verraten, habe er die Tat aus Liebe zu Christine auf sich genommen. Da ihm nun klargeworden sei, daß sie nicht zu ihm halte, bestünde für ihn kein Grund mehr, die Wahrheit zu verschweigen. Der Fahrer des Autos blieb indessen bei seiner Aussage, daß Gregor P. neben ihm gesessen habe.

Für den Staatsanwalt schien der Widerruf kein großes Problem. Er nahm Gregor P. die zweite Version ab und plädierte Minuten später auf zwölf Jahre Haft für Konrad Herrmann wegen Totschlags. Gregor P. soll wegen fahrlässiger Tötung, weil er das Gewehr unbeaufsichtigt gelassen habe, für viereinhalb Jahre hinter Gitter. Für den Fahrer beantragte der Staatsanwalt Freispruch.

Konrad Herrmann beschwor geradezu seine Unschuld: „Erhobenen Hauptes kann ich sagen, daß ich unschuldig bin.“ Es half nichts. Er wurde verhaftet, Tage später zur Urteilsverkündung in Handschellen vorgeführt. Einer weiteren Zeugenaussage zugunsten Herrmanns, von dessen Verteidigung in letzter Minute erwirkt, wurde kein Glauben geschenkt, zusätzliche Beweisanträge wurden abgewiesen. Das Gericht folgte im wesentlichen den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Ungläubiges Staunen und blankes Entsetzen auf den Fluren des ehrwürdigen Landgerichts: Stand hier nicht mindestens Aussage gegen Aussage?

Herrmanns Handicap mag es gewesen sein, daß ihm nicht in ausreichendem Maße „vernünftige“ Erklärungen für sein Handeln zur Verfügung standen. Der Vorsitzende Richter Werner Meyer aus Nürnberg vermochte jedenfalls nicht nachzuvollziehen, warum Herrmann nach Connewitz ging. Dessen Anwalt Andreas von Mariassy schon: Es sei „spontane Eigendynamik gewesen, keiner der Beteiligten habe gewußt, was passieren würde“. Die verdachtsgeleitete Wirklichkeitsrekonstruktion des Gerichts vermochte diese schlichte Deutung aber nicht zu entkräften.

Wenn der Verstoß, gegen Denkgesetze auch eine Verletzung des Rechts darstellt, stehen Herrmanns Chancen in der in diesen Tagen eingelegten Revision vor dem Bundesgerichtshof nicht schlecht. Daß er in manchem töricht gehandelt hat und daß ihn am Tod des Steffen Thüm eine moralische Mitschuld trifft, hat er in seinem Schlußwort eingeräumt. Streng juristisch aber ist ihm keine Schuld bewiesen worden.