Von Markus Wacket

Wenn es doch dunkel gewesen wäre oder wenigstens nebelig“, sagt sich Heinz Möslein oft. Doch es war ein schöner Tag mit guter Sicht, jener Nachmittag im Oktober 1991: Heinz Möslein besteigt seine Lok, die Strecke Aachen-Hamm steht auf dem Dienstplan. Die Eisenbahn, das war sein Kindertraum. Schon mit 14 wurde er Heizer, seit 34 Jahren ist er Lokführer.

Kurz hinter Aachen führen die Schienen über eine Brücke. Neben dem Gleis steht jemand. Das gibt es öfter, daß Leute von hier aus den Zügen nachschauen, wenn die über die Brücke rattern. Trotzdem zieht Heinz Möslein mit der rechten Hand den Hebel der Signalpfeife, sicherheitshalber. Der Mann geht einen Schritt zurück. „Ganz junger Kerl, 25 Jahre, so alt wie mein Sohn.“ Heinz Möslein kann ihn aus ein paar Metern Entfernung deutlich sehen. Dann springt der.

Vollbremsung. Sand fällt aus Behältern vor die Räder, das verkürzt den Bremsweg. Alles sinnlos. Notruftaste drücken. Erst der Blick rechts aus dem Fenster, dann links. Da sieht er schon die Köpfe der Passagiere aus den Wagen hängen, Die Blicke richten sich auf das Gleisbett unterm zweiten Waggon.

Die Bahnpolizisten und der Notarzt kommen. „Fahr erst mal nach Hause“, raten sie ihm. An der nächsten Station wird er in den Zug nach Köln gesetzt. „Das ist das Schlimmste, dieses Alleingelassenwerden“, sagt der Lokführer. Auf dem Heimweg sieht er den jungen Mann auf die Gleise springen. Immer wieder. Zu Hause die fragenden Blicke der Frau, der Zusammenbruch, kurze Erklärung, nachts Schweißausbrüche. Der Arzt empfiehlt ihm zwei, drei Kognak zum Einschlafen.

„Der ist krank“, heißt es auf dem Betriebshof immer, wenn jemand wie Heinz Möslein fehlt und alle wissen, warum. 900 Menschen haben sich vergangenes Jahr in Deutschland auf die Gleise geworfen. Statistisch trifft es jeden der 27 000 Lokführer zweimal in seiner Dienstzeit. „Hoffentlich nicht mich“, hatte Heinz Möslein immer gedacht. „Einige Kollegen waren ein paar Tage weg, andere vier oder sechs Wochen.“ Doch Heinz Möslein kann auch nach acht Wochen noch nicht auf die Lok steigen. Eine Kur mit Gesprächstherapie soll ihm helfen, mit diesem Oktobertag fertig zu werden.

Am 30. Januar 1992 fährt er endlich wieder. Die gleiche Strecke. Aachen-Hamm. Ein Kollege will mit ihm tauschen, aber Heinz Möslein sagt: „Ich muß da durch.“ An der Brücke von damals hat er schweißnasse Finger. Nichts passiert. Kurz vor Dortmund, Tempo 140: Ist da nicht jemand auf dem Gleis? Ja, das ist das Gesicht einer Frau. Signalpfeife, Vollbremsung, Notrufknopf. Bahnpolizei und Arzt kommen; sie suchen, doch finden können sie niemanden. Heinz Möslein ist verzweifelt: „Ich dachte, jetzt ist es soweit, du hast ’ne Macke.“