Von Elke Schmitter

Ein Register aus Schloß Dux „Geschlecht und Gesellschaft – Warum wir lieben“ von Günter Dux. Liebe. So, so. Hm, hm. Mehr noch: „Warum wir lieben“. Diese Frage zu beantworten, nahm sich Günter Dux vor, Soziologe und Freund von geistigen Projekten, die in sympathischer Weise den Kleinmut der Zunft mißachten – „Die Logik der Weltbilder“, „Die Zeit in der Geschichte“ und der „Ursprung der Ungleichheit zwischen Frau und Mann“ sind seine Themen. Gleich klassischen Größen wie Arnold Gehlen oder (seinem Lehrer) Helmuth Plessner, aber im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen läßt Dux sich nicht auf die Arbeitsteilung zwischen theoretischer Immunisierung gegen die Gegenwart und einem pedantischen Versinken darin ein, mehr noch: Er versucht mit seiner „historisch-genetischen“ Methode, eine Theoriegattung in der Bundesrepublik heimisch zu machen, die Wissen und Denken verbindet. Wie macht man das?

Dux sagt so: „Unsere Zeit denkt gattungsgeschichtlich. Sie hat das Verständnis der menschlichen Daseinsformen als Anschlußorganisation an die Naturgeschichte längst in ihr Weltbild aufgenommen. Es bedarf lediglich der Reflexion, dieses Wissen systematisch zu nutzen.“ Wir sagen so: Man hat sich daran gewöhnt, daß man irgendwie vom Affen abstammt. Man hat zudem begriffen – selbst wenn man niemals Materialist war –, daß die Bedingungen menschlichen Lebens auf eine ungemütliche Weise von sogenannten objektiven Faktoren abhängen. Und schließlich würde man darauf schwören – selbst wenn man immer schon Renegat war –, daß der Mensch auch Autor seiner Geschichte ist, die auf eine schwer zu erhellende Weise von sozialen Faktoren wie Macht, Ideologie und Selbstbewußtsein gesteuert wird. Über die Einzelheiten gerät man gerne aneinander, aber daß Natur- und Geistesgeschichte notwendige Elemente einer Menschheitsgeschichte ausmachen, dem würden vielleicht nur noch die Mormonen widersprechen.

Die Verbindungsstücke zwischen diesen beiden Elementen sind gleichwohl bescheiden, zwischen den beiden Kulturen herrscht nach wie vor höfliches Schweigen – das Dux, selbst immer höflich bleibend, unterbrechen will. Für sein Thema heißt das: Er will wissen, was die Liebe ist – welche biologischen und psychologischen Bedingungen sie hat. Und er will, über diese anthropologische Frage hinaus, klären, welchen Begriff wir uns von ihr machen – das heißt, wie aus Natur Kultur wird.

Dux beginnt mit der Feststellung, daß in allen Gesellschaftsformen und durch alle Zeiten die Menschen lieben und dieses Gefühl organisieren – und zwar in familiären Formen. Für die Fortpflanzung und die Erhaltung der Gattung wäre das nicht erforderlich; es muß also Gründe geben, die über die Biologie hinausgehen. Diesen Gründen forscht er nach, und dann will er noch etwas beweisen: daß das moderne Subjekt „ein anderes ist, als es in aller Vergangenheit war“ und deshalb auch dessen Geschlechterverhältnis ein anderes sein muß. Es wurde immer geliebt, sagt Dux. Wir aber lieben anders als alle anderen.

Argumentationen dieser Reichweite beziehen ihre Schwerkraft einerseits aus der Auseinandersetzung mit Klassikern (und weisen darin nicht selten den Charme des Unternehmens von Bouvard und Pecouchet auf), andererseits aus der Stringenz, die der Autor in seinen Schlußfolgerungen aufbietet. Die Auswahl der Klassiker wiederum ist persönlich und darum beliebig: Für seine Erörterung, was Liebe sei und welche Vorstellung europäische Kulturen von dieser Empfindung bildeten, hätte Dux Platon, Reich und Beauvoir wählen können, oder Schleiermacher, Kierkegaard und Theweleit; er wählte Schlegel, Fichte und Freud, und warum auch nicht? Wer eine Laterne hat, kann seinen Weg durchs Dunkel frei wählen.

An Freud stört Dux das, was er auch bei Lévi-Strauss moniert: „Substanzlogik“. Die Rückführung menschlicher Geschichte auf naturhafte Bestimmung, deren (soziale und individuelle) Entfaltung sich auf Spielräume beschränkt, statt ins Offene zu münden, befriedigt zwar die Ordnungsliebe, ist aber mit Dux’ Subjektbegriff ganz und gar unvereinbar. Für Freud heißt das: Dessen Auffassung der sexuellen Liebe als ein vornehmlich regressives Bedürfnis, die ursprüngliche Symbiose mit der Mutter wiederherzustellen, ist für Dux ein Mißverständnis. Er greift auf Jean Piagets Entwicklungspsychologie und auf feministische Psychoanalytikerinnen wie Jessica Benjamin zurück, um – geduldig und plausibel – zu belegen: Die Entwicklung zur Autonomie bringt anspruchsvollere Bedürfnisse mit sich als die Erfüllung infantiler Wünsche. Und die Geschlechtsidentität Heranwachsender bildet sich – zumindest heute – keineswegs über die viktorianischen Trauma-Stationen Ödipuskomplex und Penisneid. Freuds Voraussetzungen – der Ödipuskomplex als überzeitliches kulturelles Grundmuster und die Konzeption des individuellen Unbewußten samt phylogenetischer Inhalte – werden von Dux gleich mit erledigt: ab damit „ins Reich des Mythos“.