Seit dem Ableben der Gruppe 47, so scheint es, ist das öffentliche Gespräch über Literatur auf den Schoß-Hund gekommen. Debatten über Texte unterliegen einem unausgesprochenen Reglement: Sie dürfen weder treffen noch verletzen, sie sollen beschreibend, einfühlsam, vorsichtig und konstruktiv und in keinem Fall apodiktisch, kategorisch, vernichtend und grundsätzlich ausfallen.

Die Wunde blutet noch, die die Kritiker der Gruppe 47 in manches Dichterherz geschlagen haben. Der Erzfeind der Literatur, behaupteten die Autoren schon damals, sei der Literaturkritiker, der lechzende Ketten-Köter, als den der Spiegel den Kritiker Reich-Ranicki im letzten Jahr auf seinem Titel portraitiert hat.

Die deutschen Autoren von heute sehen die Sache mit dem Hund nicht anders. Aus den Grobheiten, den Ungerechtigkeiten und Schlachtfesten vergangener Literaturdebatten wollen sie Lehren ziehen, über den dreisten Ton der Nachwuchskritiker sind sie ebenso entsetzt wie über die imperiale Geste konservativer Literaturkritik, die der Literatur in letzter Zeit wieder tradierte Formen und das „Prinzip Handwerk“ anempfiehlt.

Gesucht auf den Schriftstellertagungen, Werkstatttreffen und Literaturpreis-Disputen ist ein neuer Kritiker-Typus: der Schmuse-Kritiker. Ein Kritiker, der sich den Autoren als jovialer Kollege, Freund und Helfer, als Portraitist, gebildeter Hausfreund und sensibler Verbündeter anbietet.

Keine Instanz im Literaturbetrieb ist den Literaten deswegen mehr verhaßt als jene Fernsehrunde, der sie im Augenblick die größte öffentliche Aufmerksamkeit verdanken: das „Literarische Quartett“. Um dem grellen Urteil dieser Fernseh-Kritiker zu entkommen, zögen die Schriftsteller es sogar vor, aus dem öffentlichen Gespräch zu verschwinden und ganz unter sich zu bleiben.

Wie die Autoren sich die neue Soft-Kritik nach 47 vorstellen, ist ihr Geheimnis. Kostproben davon waren in der letzten Woche beim Berliner Literaten-Treffen „Tunnel über der Spree“ zu erleben – einem Symposium wider die Restauration in der Literaturkritik, wie sie, so lautete der Vorwurf, namentlich von den Kritikern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung betrieben werde.

Die Literatur, hieß es im Literarischen Colloquium am Wannsee, müsse ohne die „Direktiven der Kritik“ auskommen. Die Kritiken der jungdeutschen neuen Rechten, die unter der Tarnkappe der Literaturkritik nationalpolitische Ziele verfolgten, solle man ignorieren.