Von Vanna Vannuccini

Glücklich die deutschen Wähler, denn sie können beruhigt an die Urnen gehen. Anders als in Italien, wo man zwischen einem kleineren und einem größeren Übel entscheiden mußte, steht der Deutsche vor keinem Dilemma: Wählt er SPD, wird er Gutes für den politischen Wechsel tun, der das Salz der Demokratie ist. Die Erfahrung Italiens zeigt, daß die Macht der regierenden Parteien außer Kontrolle gerät, wenn lange Zeit kein Wechsel stattfindet. Gibt der deutsche Wähler statt dessen der CDU den Vorzug, kann er weiter den bewährten Fähigkeiten des Kanzlers vertrauen. In keinem Fall wird die Tagespolitik erschüttert werden, denn in Deutschland, anders als in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten, hängt die soziale Solidarität nicht, von der Regierungspartei ab.

Die soziale Marktwirtschaft – ein Wort, das fast ein Widerspruch in sich ist – haben die Deutschen erfunden und beharrlich verwirklicht. Sie läßt keine gravierenden Abweichungen zu. Auch wenn der deutsche Bürger ständig fürchtet, der Sozialstaat werde aufgeweicht oder sei schon mürbe – in den Augen eines Fremden bleibt er doch stets ein großes Wunder: das unerreichbare Modell Deutschland. Nebenbei bemerkt ist das Modell Deutschland ja Vielen erst als Modell erschienen, als die alte Bundesrepublik verschwand.

„Ein Berlusconi wäre bei uns nicht möglich, da die Gesetze das gar nicht erlauben würden“, bemerkt ein Freund aus Bonn. Die Gesetze gestatteten es in Deutschland einem Privatmann nicht, ein TV-Monopol in seiner Hand zu konzentrieren und drei landesweite Sender für eine Werbekampagne zu benutzen, um Regierungschef zu werden (und als solcher auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu kontrollieren). Aus Angst vor der Vergangenheit hat sich die Bundesrepublik starke Institutionen und ein Netz aus Regeln und Gesetzen aufgebaut. Das ist der Schlüssel ihres Erfolges gewesen, denn es ist besser, sich auf Institutionen als auf Menschen zu verlassen. Erstere können besser werden, den letzteren fällt dies bekanntlich schwerer.

Rudolf Scharping, so mein Eindruck, fehlt es an demagogischem Geschick, was ihn durchaus sympathisch macht. In Wahlkampf bringt er immer wieder ein Thema zur Sprache, das wenig populär ist: die europäische Integration der östlichen Nachbarn Deutschlands. Er sagt, daß die Grenzen die Länder einander näherbringen und nicht trennen sollen; er erinnert dabei an die deutsch-französische Freundschaft und fügt hinzu, daß es nicht wichtig sein darf, welchen Paß man hat, einen deutschen oder einen polnischen.

Auftritt des SPD-Kandidaten im thüringischen Meiningen: Das Publikum vernimmt die Europavisionen und ist verblüfft. Ein Sudetendeutscher fragt, wieso er dann keinen Anspruch auf sein Haus in Böhmen habe. „Wer sich an der Vergangenheit festklammert, der geht nicht vorwärts. Man muß der Zukunft zugewandt sein“, lautet Scharpings Antwort. Ich frage ihn später, warum er ein so unpopuläres Thema anschneidet: „Die Integration Osteuropas ist eine wichtige Aufgabe Deutschlands, und die braucht Aufklärungsarbeit.“ Zweifellos liegt diese Integration auch dem Bundeskanzler am Herzen. Allerdings trägt Helmut Kohl sein Anliegen lieber unter Regierungschefs vor als im Wahlkampf. Bei der Auftaktkundgebung der CDU in Dortmund erwähnt er es nur mit zwei Worten: Die Integration Europas solle „inklusive Erweiterung“ geschehen.

CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble geht in Berlin etwas ausführlicher darauf ein. Er sagt, die Integration Osteuropas sei im Interesse Deutschlands, weil es sonst wieder an den Rand gedrängt werde; man brauche keine Sonderrolle mehr zu spielen. Das Wort Interesse verstehen die Leute besser, denkt Schäuble. Ein Realist war er immer, etwas zynischer ist er geworden. Mit Geschick ändert er seine Tonlage je nach Publikum. In Karow bei Güstrow hält er vor ostdeutschen Unternehmern eine völlig andere Rede als im Rathaus Schöneberg vor Westberliner Rentnern.