Ganz spät hat er seine Revolte nachgeholt, ist aufgestanden mit Malcolm McDowell gegen sadistische, dumme Lehrer, gegen den ganzen militärischen Drill in den teakgetäfelten Internaten an der englischen Südküste und hat vom Dach aus das Maschinengewehrfeuer auf Honoratioren und Pädagogen eröffnet. „If...“ (1968) wurde fast ein Basteibogen für die Barrikadenkämpfe im Quartier Latin und an der Kochstraße; gerechter ließ sich mit dem „Schweinesystem“ nicht abrechnen. Für Lindsay Anderson aber war das kein Spaß, er hatte den Aufstand im Cheltenham College gedreht, in der Schule, in der er selber leiden mußte. „If...“ war keine Anstiftung zur Revolution, sondern Andersons eigene Geschichte.

Wie es sich für den Sohn eines Generalmajors gehörte, preßte man auch ihn durch diese elitären Leibeszuchtanstalten, damit er einmal seinen vorgezeichneten Weg mache. Das Kino bewahrte ihn davor. Nach dem Krieg stolperte Lindsay Anderson in London am Leicester Square ins Kino und sah John Fords „My Darling Clementine“. Der Western und Henry Fondas Wyatt Earp gaben seinem Leben endlich einen Sinn. Das englische Klassensystem war ihm ein Greuel, und wie George Orwell beugte sich Anderson von seiner gesellschaftlichen Höhe herab auf die kleineren Leute. David Storey, dessen Buch „Lockender Lorbeer“ Andersons erster Spielfilm wurde (1963), mußte ihn beiseite nehmen und ihm sagen, daß es mit den Arbeitern so weit auch wieder nicht her sei, daß sie nur verhinderte, aber keine besseren Kleinbürger seien. Anderson kühlte nicht ab. „Wahrscheinlich bin ich der Junge, der auf dem brennenden Deck geblieben ist, nachdem alle anderen geflohen sind“, sagte er einmal. „Das Problem ist nur, daß ich nicht weiß, ob der Junge ein Held ist oder ein kompletter Idiot.“

Wenigstens den Film wollte er befreien. Anderson inszenierte die Jungen Wilden der fünfziger Jahre am Theater, kämpfte gegen die Filmindustrie, gegen die Presse, gegen seine Klasse, gegen Krone und Vaterland. In Interviews gab er den Politiker und Ideologen; in seinen Filmen war er der bösartigste Satiriker, den England seit Jonathan Swift ertragen mußte.

Ein spätes Meisterwerk wurde „Britannia Hospital“ (1982). Die Punks verstanden das ratlose Kind auf dem brennenden Deck. Die nächste Generation erlebte diesen ewigen Wüterich als gütigen Großvater. Hug Hudson läßt Anderson in seinem Film „Die Stunde des Siegers“ als Cambridge-Schoolmaster auftreten, der sich antisemitisch über einen seiner Studenten echauffiert. Wen sie einmal in den Krallen hat, den läßt die Klassengesellschaft nicht mehr los. Am 30. August ist Lindsay Anderson im Alter von 71 Jahren fern von England in Südfrankreich gestorben. Willi Winkler