Seit zehn Jahren lebe ich in Deutschland, mit einer Unterbrechung von anderthalb Jahren in Mailand, meiner Heimat. Die Liebe hat mich nach Deutschland getrieben. Bin ich nicht typisch italienisch? Was man nicht alles für amore tut. Aber die Liebe zu einem jungen Teutonen war nicht der einzige Grund, weshalb ich herkam. Kaum zu glauben, aber ich liebe auch den trüben, grauen Himmel, die Stille mitten in der Stadt – verglichen mit Mailand ist Köln idyllisch grün –, die Literatur, die ordentlichen Menschenschlangen, aber vor allem: die Ruhe.

Ruhe? Welche Ruhe, bitte?

Ich werde selten in Ruhe gelassen. Als Italienerin in Deutschland muß ich ständig als Opfer ethnischer Studien herhalten. Selbst in der aufgeschlossenen, ausländerfreundlichen, ökoangehauchten Wohngemeinschaft, in der ich jetzt lebe.

Meine drei Mitbewohner können allesamt Italienisch, mit einem mir unerträglichen toskanischen Akzent. Sie lieben Italien über alles, oder besser: Sie lieben, was sie für Italien halten. Noch nie habe ich einen so italienischen Haushalt erlebt wie den ihren. Das italienische extravergine, das kaltgepreßte Olivenöl, ruht in der spezifischen Ölkanne aus Metall – das habe ich in Italien höchstens in feinen Restaurants gesehen. Wenn man Kaffee kochen will, muß dieser frisch gemahlen und in der chromglänzenden elektrischen Espressomaschine zubereitet werden.

Samstag morgen, Elena, Angela und Chiara, meine italienischen Freundinnen, sind bei mir zum Frühstück eingeladen. Ich koche Milchkaffee. Sie gucken mich fassungslos an. Sie fragen mich, warum ich mit einem komischen, elektrischen Schraubenzieher in der heißen Milch hantiere. „Ja, ich kannte dieses Ding auch nicht“, gebe ich zu, „das kann man aber in Italien kaufen, damit macht man Schaum für den Milchkaffee. Mein deutscher Mitbewohner hat es mitgebracht, nun habe ich mich daran gewöhnt. Wie das Ding auf italienisch heißt, weiß ich immer noch nicht.“

Miteinander reden meine Mitbewohner oft so:

„Ciao ragazzi, ich wollte eine pasta kochen mit pommarola“, sagt die eine.