Von Eric Hobsbawm

Die Geschichte ist das Rohmaterial für nationalistische, ethnische oder fundamentalistische Ideologien – wie Mohn der Rohstoff für Heroinabhängigkeit ist. Die Vergangenheit ist ein wesentliches, vielleicht sogar das entscheidende Element dieser Ideologien. Wenn die Vergangenheit sich nicht fügt, kann sie auch neu erfunden werden. Eigentlich gibt es gar keine Vergangenheit, die vollkommen paßt, weil das Phänomen, das diese Ideologien zu verteidigen behaupten, weder alt noch ewig, sondern nur historisch neu ist. Das gilt sowohl für den religiösen Fundamentalismus in seinen jetzigen Ausprägungen – der islamische Staat in der Version des Ajatollah Chomeini stammt aus den frühen Siebzigern – wie für den aktuellen Nationalismus.

Die Vergangenheit verleiht den Heiligenschein der Legitimität. Die Vergangenheit bietet den ruhmreichen Hintergrund für eine Gegenwart, die selber nicht viel hermacht. Ich erinnere mich, daß mir irgendwo eine Arbeit über die Hochzivilisation der Städte im Indus-Tal mit dem Titel „Fünftausend Jahre Pakistan“ auffiel. Vor 1932/33, als der Name von militanten Studenten erfunden wurde, existierte Pakistan nicht einmal als Gedanke. Bis 1940 gab es Pakistan noch nicht mal als politisches Ziel. Zum Staat wurde es erst 1947. Zwischen der Kultur von Mohenjo Daro und den gegenwärtigen Herrschern in Islamabad gibt es keine engere Beziehung als zwischen dem Trojanischen Krieg und der Regierung in Ankara.

In dieser Situation finden sich Historiker unerwartet als politische Schauspieler wieder. Bisher war ich der Meinung, daß der Beruf des Historikers, anders als beispielsweise jener des Kernphysikers, zumindest niemandem etwas zuleide täte. Inzwischen weiß ich es besser. Genauso wie die Werkstätten, in denen die IRA inzwischen in der Lage ist, Kunstdünger in Sprengstoff zu verwandeln, können unsere Arbeitszimmer zu Bombenfabriken konvertiert werden. Dieser Zustand betrifft uns doppelt: Wir haben eine Verantwortung gegenüber historischen Tatsachen im allgemeinen und für die Kritik des politisch-ideologischen Mißbrauchs der Geschichte im besonderen.

Über die erste dieser beiden Verantwortlichkeiten muß ich nicht viel sagen, müßte ich eigentlich überhaupt nichts sagen, gäbe es nicht zwei bemerkenswerte Phänomene zu beobachten. Da ist einmal die Mode bei den Romanautoren, statt sich eine Handlung zu erfinden, diese auf überprüfbaren Tatsachen aufzubauen. Dann die Konjunktur der „postmodernen“ intellektuellen Mode an westlichen Universitäten, vor allem in den philologischen und anthropologischen Fakultäten, nach der alle „Tatsachen“, die objektive Existenz beanspruchen, nichts weiter seien als intellektuelle Erfindungen. Daß es also in einem Wort zwischen Tatsachen und Erfindungen keinen Unterschied gebe. Aber den gibt es, und für Historiker, selbst für die militantesten Antipositivisten unter uns, ist die Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden, von alles entscheidender Bedeutung.

Wir können unsere Tatsachen nicht erfinden. Entweder ist Elvis Presley tot, oder er lebt. Die Frage läßt sich unzweideutig auf der Grundlage von Beweisen entscheiden, jedenfalls soweit sich zuverlässige Beweise beibringen lassen, wie es manchmal der Fall ist. Die gegenwärtige türkische Regierung, die den versuchten Völkermord an den Armeniern von 1915 leugnet, hat entweder recht oder nicht. Die Mehrheit würde eine Leugnung dieses Massakers aus dem ernsthaften historischen Diskurs ausschließen, obwohl es keine gleichermaßen eindeutige Möglichkeit gibt, zwischen verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Phänomens und dem Einordnen in einen größeren historischen Zusammenhang zu wählen.

Vor einiger Zeit haben hinduistische Eiferer eine Moschee in Ayodhya zerstört, angeblich weil diese Moschee den Hindus von dem islamischen Mogul Babur an einer heiligen Stätte aufgenötigt wurde, an dem Ort, an dem der Gott Rama geboren wurde. Meine Kollegen und Freunde in Indien veröffentlichten eine Studie, daß a) bis zum 19. Jahrhundert kein Mensch auf die Idee kam, Ayodhya sei der Geburtsort von Rama, und daß b) die Moschee mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu Lebzeiten von Babur errichtet wurde. Ich wollte, ich könnte behaupten, daß das einen großen Einfluß auf den Aufstieg der Hindu-Partei hatte, die den Vorfall provozierte, aber jedenfalls haben sie ihre Pflicht als Historiker und für jene getan, die des Lesens kundig und der jetzigen und kommenden intoleranten Propaganda ausgesetzt sind. Tun also auch wir unsere Pflicht.