Neulich waren wir wieder draußen bei den Techno-Ravern und haben viel Bier miteinander gebrochen. Manche lagen schon erschöpft neben den Wasserhähnen und erholten sich nur schwer von Tanz und Ecstasy. Andere brummten in Trance noch einen Baß oder zwei. Wir aber tanzten unermüdlich den neuesten Ringel von Marusha und sangen: „Piep, piep, piep, wir ham einander lieb!“

Da kam dann wer daher, der sah so aus wie ein Punk aus alten Tagen. „Zeitgeistsoldaten!“ rief er uns schon von weitem entgegen, „wollt ihr weiter den Zielgruppen-Pogo mit euren Chefredakteuren tanzen, den Technos die Panzerketten schmieren und die Jugend an das Kapital und den Staat verraten?“ Und wir sprachen, ein jeder mit Zunge: „Nein!“, weil wir mit allen tückisch ringeln.

Er aber sprach: „So laßt uns die Tomaten aus den Dosen holen. Es ist gekommen die lange Zeit der Chaostage!“ Dann verschwand er wieder, irgendwie indifferent, zwischen den Wolken, in diesem wunderlichen Morgenrot über Hannover und Stuttgart.

Wir aber glaubten weiter an diesen Sommer und an die Avantgarde des neuen Hermann Hesse der Popkultur (Rainald Goetz): „The future of mankind: kind, ganz klar!“ (Tempo, 9/94) Und tanzten weiter „forward“.

Pieperschöpft kuschelten wir uns dann am späteren Sonntag vormittag, es war der 28. August, vor die Fernseher. Im ZDF-Fanzine hatten sie für 9.30 Uhr eine neuartige, „talkshowähnliche“ Form von Gottesdienst unter dem Titel „infitoutfit“ angekündigt. Das hatte Sound.

Und das protestantische Raving der Personalkirchengemeinde Frankfurt Nord-Ost kam noch besser als erwartet. Fest umklammern mußte man sein Gläschen Zuckerwasser, so Pop-homiletisch ging Pfarrer Clemens Bittlinger zur Sache.

Seine Kunst der Schriftauslegung war die des Gottschalk, des Meiser, der Kiesbauer und des Lindenau. Altar, Chorgestühl und Kanzel waren wie weggeräumt. Dafür standen Bistro-Tischchen locker verteilt im Kirchenschiff. Tuch läppte über alte Statuen hinweg (Trau keiner über Dreißig!). Die Kirchgänger waren alle schön, jung und easy anzusehen. Das Warm-up muß gut gewesen sein.