Von Andreas Kilb

Im Schaufenster des „Café chez Joseph“ in Genf steht ein großes, rotes Schweizer Messer. Von einer unsichtbaren Mechanik angetrieben, läßt es seine vielen, aus Scheren, Feilen, Klingen und Korkenziehern bestehenden Arme rhythmisch auf- und zuklappen, die Luft zerschneiden, den Raum durchstoßen, ohne auf Widerstand zu treffen, tagein und tagaus. Das Schweizer Messer ist der Gegenstand, durch den sich das „Café chez Joseph“ von anderen Cafés unterscheidet, sein Wahrzeichen, sein Stolz – und zugleich ein ganz banales Ding. Denn in der Schweiz gibt es wohl kaum jemanden, der kein solches Messer besitzt, und kaum ein Schweizreisender fährt wieder nach Hause, ohne ein Schweizer Messer gekauft zu haben.

Im Lauf der Geschichte, in der es vorkommt, nimmt das Messer, das in Josephs Schaufenster steht, ganz verschiedene Bedeutungen an. Mal wirkt es bedrohlich und unheilverkündend, mal gefällig und zwecklos schön; mal ist es ein Symbol der Sicherheit, mal eines der Gefahr. Am Ende aber, auf den letzten Blick, ist das Schweizer Messer wieder das, was es immer war: ein ganz gewöhnliches Industrieprodukt, ein Utensil, ein Werbemittel, groß und rot und leer.

Auch die Lebensläufe, die sich rings um das „Café chez Joseph“ herum abspielen, haben ihre verschiedenen Stimmungen: Mal geht es den Personen gut, mal sinken sie ins Elend, mal sind sie verliebt, mal eifersüchtig, mal winkt ihnen das Glück, mal läßt es sie verstört zurück. Doch zuletzt, wenn alles sich entwirrt, wenn die Geschichte ihrem Ziel und der Film seinem Abspann entgegeneilt, hat sich im Grunde nichts Besonderes ereignet: Zwei Menschen sind im Sturm ertrunken, zwei andere haben sich gefunden, und ein alter Mann sitzt lächelnd vor dem Fernseher, zufrieden mit der Welt und mit sich selbst. Das Schicksal hat seine Messer und Scheren vorgezeigt, doch ein Konflikt, eine Handlung, ein Drama ist nicht dabei herausgekommen.

Oder doch?

*

Ein Film, der „Rot“ heißt und von der Brüderlichkeit handelt, muß mit irgendeiner Art Begegnung anfangen: einem Rendezvous, einer Umarmung, einem Gespräch. So geschieht es auch: Valentine (Irene Jacob) ruft aus Genf bei ihrem Freund in England an. Die Kamera macht sich ganz klein und taucht ins Telephonnetz hinab, saust an den Kabeln entlang über Länder und Meere bis nach Britannien, doch dann blinkt ein rotes Lämpchen auf, die Leitung des Freundes ist besetzt, und Valentine läßt enttäuscht den Hörer sinken. Rot ist in „Rot“ kein Zeichen von Liebe und Lust, sondern die Farbe des Mißgeschicks. Rote Ampeln, rote Messer, rotes Leid.