Von Hans-Joachim Müller

Wir werden unser Verhältnis zur Topfpflanze noch einmal überdenken. Aus tiefinnerer Zwietracht mit der Gattung sprießt stille Verwunderung. Sie dreht sich nämlich, die blattreiche Art im konischen Tongefäß. Dreht sich um ihre eigene Achse. Nicht ganz so langsam wie ein Uhrzeiger, aber mit vergleichbarer Unaufhaltsamkeit. Alles erlaubt sich die Natur, auch die domestizierte. Rotationen sind noch nie beobachtet worden. Was sollen wir sagen: Sinnestrübung oder floristisches Ereignis?

Es geschah in Bern, in der Kunsthalle, wo Charles Ray den Tisch gedeckt hat. Teller, Becher, Schale, Dose, Salzstreuer. Blumenstock. Nichts paßt zusammen. Aber alles ist sehr akkurat verteilt. Ein bißchen angestrengt akkurat auch. Es herrscht da ein starker Anordnungswille auf dem Tisch, ein Plazierungszwang, der den Gegenständen eine eigentümliche Künstlichkeit gibt. Als wären sie gar nicht die Dinge selber. Sondern nur ihre Zeichen.

Schön irreal, der Tisch. Und dabei ganz real: Materie, Gestalt, Objekt im Raum. Wir müssen lange vor dem Stilleben gestanden sein. Vielleicht zu lange. Denn mit einem Mal gerieten die dinghaften Zeichen oder zeichenhaften Dinge in Bewegung. Wahrhaftig, sie drehen sich um sich selbst. Der Teller nach rechts, der Salzstreuer entgegen. Kaum wahrnehmbar, und doch, wir möchten schwören. Es kreist. Da, sogar die Topfpflanze.

Tut sie nur so, ist uns nur so? Sollten wir etwa...? Haben wir sie angestoßen, mit den Augen in behäbige Karussellfahrt gebracht? Eine telekinetische Primärentladung, der noch ganz andere wundersame Kraftbeweise folgen werden? Schon sind wir überzeugt, daß es atmet unter der Windjacke, die des Künstlers Selbstportraitpuppe trägt.

Charles Ray ist uns vor allem ohne Windjacke in Erinnerung. Auf der letzten Documenta sorgte seine achtfache Ganzkörpernacktheit für Gedränge vor einer Dachkammer im Fridericianum. Der vervielfältigte Künstlerleib („Oh! Charley, Charley, Charley...“), zu einer autoerotischen Laokoongruppe verwachsen, nahm sich im Kontext des Kasseler Reizangebots entsprechend spekulativ aus. Bei ihrem Wiederauftritt in der Zürcher Kunsthalle, wo der andere Teil der Ray-Ausstellung stattfindet, scheinen die selbstvergnügten „Charleys“ ihre pornographische Energie fast eingebüßt zu haben. Nicht daß auch hier unser gnädiger Blick sie aus ihrer komischen Versteifung erlöst hätte. Aber erst jetzt – in Nachbarschaft des Rayschen Personals und Arsenals – wird ihre ganze Künstlichkeit erkennbar, die kolossale Lebensferne in der Lebensähnlichkeit. Eine ziemlich verhemmte Orgie, bei der eine erkaltete, erstarrte Phantasie Regie führt und die Darsteller sich in geradezu klassizistischer Unberührbarkeit zeigen.

Daran vor allem scheint der Künstler interessiert zu sein, an der Wirklichkeit als Kippfigur, am jähen Umschlag von verführerischer Realistik in eine unbekannte Fremdheit der Dinge und Situationen. Wenn man dem Photobildnis von Charles Ray ganz nahe kommt, merkt man, daß der Kamera ein reproduziertes Modell gegenübersaß. Herr Ray im roten Hemd über dem Glasfaserleib. Und je länger wir vor dem Blumenstock mit Drehtendenz verharren, desto gewisser wird auch, daß das botanische Wunder mit unheilbarer Wuchs- und Blütenunfähigkeit erkauft ist.