Im Sommer 1945 kehrte ich als amerikanischer Soldat sieben Jahre nach meiner lebensrettenden Abreise in meine Geburtsstadt Berlin zurück. Ich war bereits auf meine Heimreise eingestimmt. In London mußte ich als Sergeant der US-Army für den Geheimdienst (ODI) Unterlagen der „geheimen Staatsbibliothek“ Heinrich Himmlers übersetzen, die unsere Truppen in einer Salzmine in Hallein entdeckt hatten.

Die Texte gewährten mir einen Einblick in die Realität Nazideutschlands: Sie handelten von Judenmord in allen Variationen und dokumentierten die bürokratische Perfektion, mit der das Vernichtungsprogramm exekutiert wurde. Eine weitere Fundsache, die ich in strengster Klausur zu übersetzen hatte, war das Testament Hitlers („Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft ... zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum“).

Aus London wurde ich mit meiner Übersetzergruppe am 29. August 1945 nach Berlin versetzt. Die Himmler-Dokumente brachten wir mit uns. Bei allem, was ich inzwischen wußte: Auf das, was ich in Berlin erblickte, hatte mich die makabre Übersetzerarbeit dann doch nicht vorbereitet. Allein die Fahrt vom Flughafen Tempelhof zu unseren Quartieren in Zehlendorf wurde zur Begegnung mit „tausendjähriger“ Verwüstung. War diese Trümmerlandschaft wirklich mein Berlin, die Stadt, in der ich achtzehn Jahre gelebt hatte?

Eine Szene werde ich nie vergessen: Als wir uns am Abend nach unserer Ankunft in sauberen Uniformen zum Zapfenstreich in der Riemeister Straße versammelten und zu den Klängen einer Trompete stramm den sich langsam senkenden Stars and Stripes salutierten, blieb ein einarmiger Mann mit seinem klapprigen dreirädrigen Karren genau vor mir stehen. Er zog seine graue Mütze vom Kopf und starrte auf den Asphalt. In diesem Augenblick schössen mir Fragen durch den Kopf, die mich seither beschäftigen.

War dieser Alte – aber vielleicht war er gar nicht alt, vielleicht war er nur 35, nicht 65 –, waren er und die anderen Berliner, die uns halb verängstigt, halb mißtrauisch musterten, schlechter als ich, der ich in dieser Stadt den Beginn des Unheils miterlebt hatte? War ich aufgrund meiner Emigration ein besserer Mensch geworden?

War der Alte ein Nazi, war er gar direkt beteiligt am Judenmord? Oder hatte er vielleicht so menschlich gehandelt wie unsere katholische Erzieherin, der meine Schwester und ich das Leben verdanken? War ich berechtigt, ihn und all die anderen Unbekannten zu verurteilen, die von Hitlers und Himmlers Befehlen vielleicht nichts gewußt hatten oder jedenfalls nichts hatten wissen wollen? Bis heute habe ich keine Antwort auf diese Fragen.